Beschreibung
Anwendung und Ausführung in der Praxis
Die Ausführung beginnt stets mit dem Abstecken auf der Baustelle. Schnurgerüste auf dem Untergrund markieren die genauen Positionen der künftigen Wände oder Stützen. Zuerst die eine Seite. Bei modernen Systemschalungen werden die Schaltafeln mit speziellen Klemmen miteinander verbunden, während Schrägstützen mit Spindeln die Konstruktion ins Lot zwingen. Wenn der Bewehrungskorb und die Abstandhalter für die erforderliche Betondeckung einmal an ihrem Platz sitzen, folgt das Schließen der Form. Ankerstangen durchdringen die Schalung, um die gegenüberliegenden Wände zu verbinden. Sie bilden das Rückgrat, das dem enormen hydrostatischen Druck während des Betonierens und Rüttelns standhalten muss.
Deckenschalungen folgen einer anderen Logik. Ein Wald aus Stempeln trägt hier die Primär- und Sekundärträger, auf denen die Schaltafeln ruhen. Alles waagerecht, oder gerade mit einem leichten Stich, um die natürliche Durchbiegung des Frischbetons aufzunehmen. Vor dem Betonieren wird die Innenseite der Form häufig mit einem Trennmittel behandelt, um ein Anhaften zu verhindern. Nach dem Betonieren folgt die Wartephase. Der Beton härtet aus. Sobald die konstruktive Festigkeit ausreichend entwickelt ist, beginnt das Ausschalen. Die Klemmen lösen sich und die Schaltafeln weichen von der ausgehärteten Oberfläche. Der Zyklus endet mit der Reinigung der Materialien für den nächsten Einsatz auf der Baustelle.
Vom handwerklichen Maßanzug zu modularen Systemen
Im modernen Zweckbau dominiert die Systemschalung. Das sind robuste, modulare Schaltafeln mit einem Stahl- oder Aluminiumrahmen und einer Schalhaut aus Kunststoff oder Multiplex. Klemmen ersetzen Nägel. Ankerstangen halten alles zusammen. Es ist eine logistische Maschine, die auf Geschwindigkeit und Wiederverwendung setzt. Für große vertikale Flächen werden diese Schaltafeln oft zu großen Einheiten zusammengebaut, die mit dem Kran in einer Bewegung versetzt werden. Das nennt man Großflächenschalung. Effizienz ist hier das Gesetz.
Monolithische Kraft und Hochbaumethoden
Für extreme Höhen gibt es Systeme, die der Schwerkraft trotzen:
- Kletterschalung: Die Schalung "klettert" nach jedem Betonierabschnitt über Schienen oder Auflager am bereits ausgehärteten Beton nach oben.
- Gleitschalung: Ein kontinuierlicher Prozess, bei dem die Schalung hydraulisch mit einigen Zentimetern pro Stunde nach oben gehoben wird, während ununterbrochen Beton eingebracht und Bewehrung verlegt wird.
Die Rolle der verlorenen Schalung
Im Zweckbau sehen wir oft Stahlverbunddecken. Das profilierte Stahlblech fungiert während der Bauphase als Arbeitsplattform und Schalung und nach dem Aushärten als Zugbewehrung für die Decke. Auch faserverstärkte Zementplatten oder Holzwolle-Leichtbauplatten werden als verlorene Schalung bei komplexen Randausbildungen oder dort eingesetzt, wo Wärmedämmung direkt nach dem Rohbau vorhanden sein muss. Das spart Zeit. Aber der Materialeinsatz ist endgültig.
Schalung in der Praxis
Eine Baugrube für eine Tiefgarage. Überall stehen stählerne Systemschaltafeln in Reih und Glied. Der Schalungsschalern sprüht einen feinen Nebel Schalöl auf den Stahl. Klick, fest. Die Klemmen greifen die Profile zu einem unverrückbaren Ganzen zusammen. Ein paar Meter weiter bietet sich ein ganz anderes Bild: Ein Zimmermann sägt Sperrholzstreifen für einen verwinkelten Treppenholm. Kein Standardmaß passt hier. Pur handwerklicher Maßanzug mit Schrauben und Fichtenkanthölzern.
- Fundamentstreifen: Weiße EPS-Kästen, die in einem Sandbett ruhen. Kein Ausschalen nötig. Die Form ist auch direkt die Isolierung.
- Runde Stützen: Pappröhren, die nach dem Betonieren einfach aufgeschnitten werden. Einmalverwendung für ein fugenloses Ergebnis.
- Hochbau: Eine Kletterschalung, die hydraulisch an der Fassade nach oben kriecht. Während unten der Ausbau bereits beginnt, wird oben das nächste Geschoss betoniert.
- Wandschalung: Große Stahlschaltafeln, die mit dem Kran versetzt werden. Effizienz durch Wiederholung.
Während des Betonierens hört man das Dröhnen des Innenrüttlers. Die Schalung vibriert mit. Die Ankerstangen halten dem enormen hydrostatischen Druck mit Mühe stand. Ein paar Millimeter Spiel sind fatal für die Toleranzen. Alles dreht sich um die Streben, die die Konstruktion im Lot halten. Sobald der Beton ausreichend Festigkeit hat, weichen die Schaltafeln und die rohe Wand kommt zum Vorschein.
Normung und konstruktive Sicherheit
Die Ausführung von Schalungen fällt unter die strengen Rahmenbedingungen der DIN EN 13670. Diese Norm regelt die Herstellung von Betontragwerken. Dabei geht es nicht nur um die Abmessungen, sondern vor allem um die Stabilität während der Betonierphase. Der Eurocode, insbesondere DIN EN 1991-1-6, beschreibt die Einwirkungen während der Ausführung. Denken Sie an das Gewicht des flüssigen Frischbetons. Den hydrostatischen Druck. Die Auswirkung des Betonierens und des Rüttelns. Eine Schalung ist im Grunde ein temporäres Bauwerk, das denselben Sicherheitsanforderungen entsprechen muss wie das endgültige Bauwerk.
Bei der Verwendung von Hilfskonstruktionen wie Gerüsten oder Unterstützungssystemen für Deckenschalungen gilt die DIN EN 12812. Diese stellt Anforderungen an die Leistung und die Bemessung der Stempel und Träger. In einem professionellen Schalungsplan werden diese Kräfte auf die Tragfähigkeit des Untergrunds abgestimmt. Eine Setzung führt unweigerlich zum konstruktiven Versagen oder zu abweichenden Abmessungen.
Arbeitsbedingungen und sicheres Arbeiten
Die Arbeitsschutzvorschriften stellen strenge Anforderungen an das Arbeiten in der Höhe und die Sicherheit auf der Baustelle. Schalungen sind oft Teil des Arbeitsplatzes selbst. Seitenschutz ist bei Absturzgefahr von mehr als 2,5 Metern verpflichtend. In der Arbeitsstättenverordnung bzw. den DGUV-Regeln sind die spezifischen Anforderungen für sichere Arbeitsplätze beschrieben. Das Schalungssystem muss so gestaltet sein, dass Arbeitnehmer sicher Bewehrung verlegen und Beton einbringen können. Keine wackeligen Bretter. Stabile Arbeitsbühnen sind die Norm.
Qualitätsanforderungen an die Oberfläche
Für "Sichtbeton" genügt eine einfache Schalung nicht. Hier kommen die Merkblätter des Deutschen Ausschusses für Stahlbeton (DAfStb) bzw. die Sichtbetonklassen nach DIN 18217 ins Spiel. Diese Richtlinie definiert verschiedene Grautöne, Texturklassen und zulässige Unregelmäßigkeiten. Sie legt die Erwartungen zwischen Architekt und Auftragnehmer vertraglich fest. Toleranzen der Abmessungen für den Rohbau sind in der DIN 18202 festgelegt. Millimeter zählen. Eine Wand, die durch eine schlecht gestellte Strebe aus dem Lot steht, wird im Rahmen der konstruktiven Integrität des Gebäudes nach den Landesbauordnungen (LBO) schlicht nicht akzeptiert.
Die Evolution der Form
Die Römer verstanden die Notwendigkeit der Begrenzung bereits. Ihr opus caementicium ruhte gegen Schalungen aus Holzplanken, oft kombiniert mit Mauerwerk, das als bleibende Form diente. Nach dem Fall des Römischen Reiches geriet die Technik in Vergessenheit. Erst im neunzehnten Jahrhundert entdeckte die Baubranche den flüssigen Stein wieder. Anfangs war das Schalen reine Zimmermannsarbeit. Maßarbeit auf der Baustelle. Unendliche Mengen Fichtenholz verschwanden in einmaligen Konstruktionen, die nach Gebrauch oft als Brennholz endeten.
Der große Umbruch kam nach 1945. Der Wiederaufbau verlangte Tempo. Holz wurde teuer und knapp, was den Weg für Stahl frei machte. In den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstanden die ersten standardisierten Systemschalungen. Modularität wurde zum Schlüsselwort. Unternehmen wie Doka und PERI verwandelten die Schalung von einem temporären Hilfsmittel zu einem hochwertigen Kapitalgut. Nägel machten Platz für Klemmen und Keile. Die Einführung der Tunnelschalung in den sechziger Jahren war eine Revolution für den seriellen Wohnungsbau; Wände und Decken in einem Guss. Ein industrieller Prozess. Heute ist die Schalung längst keine passive Form mehr, sondern eine komplexe logistische Maschine, die die kritischen Pfade der modernen Bauplanung diktiert.