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MALERARBEITEN UND DEKORATION

Kanneluren

Kanneluren sind vertikale Rillen im Schaft einer Säule oder eines Pilasters, vor allem als dekoratives Element in der klassischen Architektur.

Stand: 05.11.2026

DEFINITION

Kanneluren sind vertikale Rillen, die im Schaft einer Säule oder eines Pilasters angebracht sind, vorwiegend als dekoratives Element.

Beschreibung

Kanneluren, auch Schattenrillen genannt, sind charakteristische vertikale Rillen, die in Längsrichtung von Säulen oder Pilastern angebracht werden. Sie kommen häufig in der klassischen Architektur vor und werden mit der dorischen, ionischen und korinthischen Ordnung in Verbindung gebracht. Bei dorischen Säulen berühren sich die Kanneluren mit einem scharfen Übergang (dem Grat), während bei ionischen und korinthischen Säulen ein schmales, flaches Band (der Steg) zwischen den Rillen vorhanden ist. Ursprünglich wurden Kanneluren möglicherweise angebracht, um die Fugen zwischen den Trommeln, aus denen eine Säule aufgebaut ist, zu kaschieren und durch die Schattenwirkung eine aufsteigende Bewegung in der Säule zu suggerieren. Obwohl bautechnisch nicht mehr notwendig, dienen Kanneluren primär als Dekoration und tragen zur Ästhetik bei, indem sie die vertikalen Linien betonen und die Säule schlanker erscheinen lassen. Das Wort ‚Kannelure‘ ist vom lateinischen ‚cannula‘ abgeleitet, was Röhrchen bedeutet.

Ausführung

Das Anbringen von Kanneluren erfolgt in der Praxis auf zwei Arten: während der Herstellung der Säule oder nachträglich an einer bereits versetzten Säule.

Bei Natursteinsäulen werden die Rillen traditionell mit der Hand ausgehauen oder mit Hilfe einer Schablone gefräst. Der Schaft wird zunächst ausgerichtet und die Rillen werden angezeichnet. Die Rille selbst erhält eine bestimmte Tiefe und Breite, abhängig vom Säulendurchmesser und der Ordnung. Der Übergang zwischen zwei Rillen wird scharf ausgeführt (Grat) oder mit einem flachen Band versehen (Steg).

Bei Betonfertigteil- oder Gipssäulen werden die Kanneluren in der Schalung angebracht. Die Schalung enthält also die Negativform der Rillen. Nach dem Gießen und Aushärten kommt die Säule mit den Kanneluren aus der Schalung.

Bei der Restaurierung bestehender Säulen kann das erneute Aushauen oder Ausschleifen abgenutzter Rillen erforderlich sein. Die neue Rille wird dann auf das bestehende Profil und die Schattenwirkung der benachbarten Kanneluren abgestimmt.

Ursachen und Folgen von Schäden an Kanneluren

Kanneluren sind durch ihr ausgeprägtes Profil besonders anfällig. Die scharfen Kanten des Grats nutzen sich am schnellsten ab, besonders bei hohen Säulen, an denen Wind und Regen jahrelang anprallen. Frostwirkung tut das Übrige: Wasser, das in der Rille stehen bleibt, dehnt sich beim Gefrieren aus und kann Teile der Kante absprengen. Bei Sandstein und Kalkstein zeigt sich dieses Phänomen häufiger als bei härteren Gesteinsarten wie Granit.

Die Folgen sind nicht nur ästhetisch. Ein abgebrochener Grat verändert die Schattenwirkung der gesamten Säule. Die vertikale Linie, der das Auge folgt, wird unterbrochen. Bei tragenden Säulen kann eine tiefgreifende Schädigung der Rillen sogar die Tragfähigkeit beeinflussen, wenngleich dies erst bei erheblichen Materialverlusten der Fall ist.

Auch Verschmutzung spielt eine Rolle. Im Schutz der Rille haftet Schmutz leichter an und es entsteht ein ungleichmäßiges Muster dunkler Streifen. Dieser Kontrast wird stärker, je länger die Säule den Witterungseinflüssen ausgesetzt ist. In städtischen Umgebungen kommen noch Ruß und Abgase hinzu, die sich in den Mikroporen des Steins festsetzen.

Arten und Varianten

Bei Kanneluren unterscheidet man grob drei Hauptvarianten, abhängig von der Ordnung, zu der sie gehören. Die dorische Säule hat in der Regel zwanzig flache Rillen, die sich direkt berühren. Zwischen diesen Rillen liegt keine flache Fläche, sondern eine scharfe Kante, der sogenannte Grat. Das ergibt ein straffes, kantiges Bild. Ionische und korinthische Säulen zählen meist vierundzwanzig Rillen, die tiefer eingeschnitten und untereinander durch ein schmales flaches Band, den Steg oder Tenie, getrennt sind. Dieser Zwischenraum sorgt für ein weicheres, reicheres Schattenspiel am Schaft.

Daneben gibt es eine auffällige Variante: die gedrehte oder spiralenförmige Kannelure. Sie kommt vor allem bei barocken Säulen vor und wird auch als gewunden bezeichnet. Die Rillen verlaufen dann nicht gerade am Schaft entlang, sondern winden sich wie ein Korkenzieher um ihn. Diese Form betont die Vertikalität weniger und verleiht der Säule geradezu einen bewegten, dynamischen Charakter. In der Gotik trifft man Kanneluren seltener an, doch in der Renaissance und im Klassizismus erlebten sie eine starke Wiederbelebung.

Ein wichtiger Unterschied besteht zudem zwischen Kanneluren an Säulen und denen an Pilastern. Bei Pilastern sind die Rillen oft flacher ausgeführt, da sie sonst in der Fassadenfläche zu dominant würden. Manchmal werden Kanneluren auch auf anderen Bauteilen angebracht, wie Kaminverkleidungen, Möbelstücken oder Zierleisten, dann jedoch meist in stark vereinfachter Form. In diesem Fall spricht man auch von Schattenrillen, ein im Innenausbau gebräuchlicher Begriff für flache, rein dekorative Rillen, die keinen klassischen Proportionen folgen.

Verwirrend kann der Unterschied zwischen Kanneluren und Godrons sein. Godrons sind vertikale, gewölbte oder konvexe Rippen, das Gegenteil der hohlen Rille. Sie kommen an Säulenfüßen, Vasen und Kapitellen vor. Während eine Kannelure also eine Vertiefung ist, ist ein Godron eine Erhebung. In der Praxis werden diese Begriffe manchmal verwechselt, doch der Unterschied ist grundlegend für die Schattenwirkung: eine Rille fängt Schatten ein, eine Rippe fängt Licht ein.

Beispiele aus der Praxis

Man gehe durch eine beliebige deutsche Stadt und man sieht sie. Das Palais am Dam in Amsterdam hat eine Fassade mit Pilastern, deren Kanneluren in den Naturstein geschlagen sind. Im Erdgeschoss sind diese Rillen tiefer als in den Obergeschossen. Kein Zufall: unterhalb der Augenhöhe fängt eine tiefere Rille mehr Schatten ein und der Pilaster wirkt dadurch kräftiger.

Man nehme ein klassizistisches Stadthaus aus dem Jahr 1900. Der Eingang hat oft einen Portikus mit zwei Natursteinsäulen. Legt man ein Lineal daran, spürt man die Kanneluren: flache, halbmondförmige Rillen, die über die volle Höhe des Schafts verlaufen. Am Fuß und am Kapitell hören sie auf. Diese Detaillierung bestimmt zu einem großen Teil die Ausstrahlung einer solchen Fassade.

Betrachtet man eine moderne Interpretation, beispielsweise ein Wohngebäude mit Betonfertigteilsäulen, so sind die Kanneluren oft weniger tief und breiter. Manchmal verlaufen sie nicht einmal über die volle Höhe, sondern über zwei Drittel des Schafts, mit einem glatten Unterteil. Eine bewusste Wahl: Das Auge soll die Säule als ein Ganzes lesen, nicht als eine Ansammlung vertikaler Streifen.

Restaurierungspraxis: Vor einigen Jahren wurde in Den Haag eine Säulengalerie aus dem 19. Jahrhundert restauriert. Ein Teil der Kanneluren war durch Frostschäden abgeplatzt. Der Steinmetz fertigte zunächst eine Profilschablone einer unbeschädigten Rille an. Damit wurden die neuen Rillen ausgeschliffen und mit der Hand nachgearbeitet. Erst als die Sonne tief stand und die Schatten lang wurden, zeigte sich, ob das Ergebnis mit den benachbarten originalen Rillen übereinstimmte. Es gibt nichts Subjektiveres als eine gerade Linie, die nicht ganz denselben Schatten einfängt wie die Nachbarn.

Rechtliche Regelungen

Für Kanneluren ist kein spezifisches Gesetz oder keine Norm anwendbar. Ihre Anwendung fällt unter den weiteren Rahmen der Denkmalpflege und der Bauregelungen. Bei denkmalgeschützten Gebäuden ist das Denkmalschutzgesetz des jeweiligen Bundeslandes maßgeblich. Dieses bestimmt, dass für Veränderungen an einem Baudenkmal eine Genehmigung erforderlich ist. Das Anbringen oder Wiederherstellen von Kanneluren an einer denkmalgeschützten Säule fällt nahezu immer darunter. Selbst ein scheinbar kleiner Eingriff, wie das Vertiefen einer Rille, kann genehmigungspflichtig sein.

Für Neubauten gilt die jeweilige Landesbauordnung (MBO/LBO). Darin finden sich jedoch keine Vorschriften für dekorative Elemente wie Kanneluren. Die Landesbauordnungen befassen sich mit Standsicherheit, Brandschutz und Gesundheit. Kanneluren als Ornament berühren Regelungen erst dann, wenn sie den konstruktiven Teil einer Säule schwächen. In diesem Fall gelten die regulären konstruktiven Anforderungen der DIN-EN-Reihe für Beton, Stahl oder Mauerwerk, je nach Material. Diese Anforderungen richten sich jedoch nicht speziell auf die Rillen, sondern auf die gesamte konstruktive Integrität des Elements.

Bei der Restaurierung historischer Säulen ist die Richtlinie für die Erhaltung und Instandsetzung von Denkmalen ein häufig genutztes Referenzwerk. Diese Richtlinie ist kein Gesetz, wird von Kommunen und Denkmalbehörden jedoch als Prüfungsmaßstab herangezogen. Sie beschreibt, wie eine Restaurierung anzugehen ist, ohne den historischen Wert zu beeinträchtigen. Für Kanneluren bedeutet das: Das Profil muss mit dem Original übereinstimmen, die Gesteinsart muss dieselbe sein und die Ausführung muss an die bestehende Detaillierung anschließen. Ein Abweichen vom ursprünglichen Profil ist nur zulässig, wenn der Steinmetz dafür eine begründete Unterlage vorlegt.

In der Praxis gibt es wenig Rechtsprechung speziell zu Kanneluren. Streitigkeiten betreffen nahezu immer die Frage, ob eine Restaurierung ausreichend originalgetreu ausgeführt wurde, oder die Haftung bei Rissbildung. Diese Haftung wird auf Grundlage der allgemeinen Sorgfaltspflicht aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch beurteilt, nicht auf Grundlage einer spezifischen Norm für Rillen in Säulen.

Geschichte und Entwicklung

Die Kannelure ist nahezu so alt wie der monumentale Steinbau selbst. Bereits im alten Ägypten, lange vor dem griechischen Tempelbau, wurden Säulen mit vertikalen Rillen versehen. Die bekanntesten Beispiele dafür stehen in Karnak und Luxor, wo die papyrusförmigen Säulen Bündel gerader Stängel nachahmen. Diese Rillen waren kein Zufall: Sie verstärkten die Andeutung, dass die Säule ein Bündel pflanzlichen Materials war, das unter dem Kapitell zusammengebunden war. Das Motiv war also eine Übertragung einer Konstruktionstechnik aus dem Holz- und Röhrichtbau in Stein.

Die Griechen übernahmen diese Idee, gaben ihr jedoch eine eigene Wendung. In der archaischen Periode experimentierten sie mit Säulen, die sich nach unten stark verjüngten, mit relativ tiefen Rillen. Je mehr sich die klassischen Ordnungen im fünften und vierten Jahrhundert vor Christus stabilisierten, desto fester wurden die Proportionen festgelegt. Die Kannelure wurde Teil eines Systems: Anzahl der Rillen, ihre Tiefe und die Übergänge zwischen ihnen wurden durch die Ordnung bestimmt. Diese Systematik blieb jahrhundertelang prägend, auch als die Römer sie von den Griechen übernahmen. Römische Säulen sind in der Regel schlanker und die Rillen oft tiefer, doch das Prinzip blieb unverändert.

Bemerkenswerterweise war die Kannelure im Mittelalter nahezu verschwunden. Die gotischen Baumeister wählten Bündelpfeiler und Pfeiler mit Schäften, jedoch keine klassischen Rillen. Erst im fünfzehnten Jahrhundert, mit dem Aufkommen der Renaissance, kehrte das Motiv zurück. Architekten wie Brunelleschi und Alberti studierten die antiken Überreste genau und wandten Kanneluren erneut an, nun bewusst als Verweis auf die klassische Antike. Der Barock des siebzehnten Jahrhunderts ging dann wieder freier mit dem Motiv um: gedrehte Kanneluren, unterbrochene Rillen und Kombinationen mit Godrons. Im neunzehnten Jahrhundert, während des Eklektizismus und der Neustile, wurden die klassischen Ordnungen oft streng auf Gebäude angewandt, die funktional alles andere als klassisch waren. Banken, Bahnhöfe und Regierungsgebäude erhielten Säulen mit Kanneluren, um Autorität und Beständigkeit auszustrahlen.

Seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ist die Anwendung vor allem historisierend oder dekorativ. Die Moderne hatte kein Interesse an Ornament, doch im Traditionalismus und später in der Postmoderne tauchen Kanneluren erneut auf, wenngleich oft in vereinfachter Form und in anderen Materialien wie Betonfertigteilen oder Gussstein. Auffällig ist, dass die Rillen in all diesen Jahrhunderten ihre ursprüngliche Funktion beibehalten haben: das Kaschieren der horizontalen Fugen zwischen den Trommeln einer Säule und das Betonen der Vertikalität. Diese doppelte Funktion, konstruktiv und visuell, erklärt, warum das Motiv so hartnäckig fortbestanden hat.

Häufige Fragen

Was sind Kanneluren?
Kanneluren sind vertikale Rillen, die im Schaft einer Säule oder eines Pilasters angebracht sind, vorwiegend als dekoratives Element.
Was ist der primäre Zweck von Kanneluren?
Obwohl sie ursprünglich möglicherweise zur Kaschierung von Fugen angebracht wurden, dienen Kanneluren primär als Dekoration. Sie tragen zur Ästhetik bei, indem sie vertikale Linien betonen und die Säule schlanker erscheinen lassen.
Welche verschiedenen Formen können Kanneluren annehmen?
Neben der Standardform können Kanneluren in seltenen Fällen auch spiralförmig oder zickzackförmig verlaufen. Der Querschnitt einer Kannelure ist meist halbrund, kann aber auch scharf sein.