Beschreibung
Herstellungsprozess und Technik
Formgebung und Biscuitbrand
Der Prozess beginnt mit der Formgebung der Tonmasse. Durch Pressen oder Gießen erhält der Ton seine endgültige Gestalt als Fliese oder Formstück. Nach einer sorgfältigen Trocknungsphase folgt der erste Brand. Dieser Biscuitbrand findet bei Temperaturen um 900 bis 1000 Grad Celsius statt. Der Scherben wird dadurch hart und handhabbar, behält aber eine hohe Porosität. Das ist entscheidend.
Glasieren und das „grand feu“
Der poröse Biscuit wird anschließend in eine flüssige Suspension aus Blei- und Zinnoxiden getaucht. Das Wasser in dieser Mischung zieht sofort in den trockenen Ton ein. Eine pulverartige, weiße Schicht bleibt auf der Oberfläche zurück. Eventuelle Dekore werden direkt auf diese ungebrannte Glasur aufgebracht; die Pigmente dringen tief in die Pulverschicht ein, wodurch Korrekturen unmöglich sind. Der zweite Brand, der Glattbrand, verwandelt die matte Schicht. Die Metalloxide verschmelzen zu einer undurchsichtigen, glasartigen Haut. Chemische Verbindungen zwischen Scherben und Glasur erzeugen die charakteristische Haftung. Das Ergebnis ist ein verschmolzenes Ganzes. Glatt, glänzend und an der Vorderseite vollständig wasserdicht.
Regionale Varianten und Terminologie
Majolika, Fayence und Delfter Ware
Die Grenze zwischen verschiedenen Steingutarten ist historisch gesehen hauchdünn. Majolika gilt oft als direkter Vorläufer. Bei Majolika ist der Scherben meist etwas gröber, und die Rückseite von Fliesen oder Schüsseln wurde häufig mit einer billigen, transparenten Bleiglasur statt der kostbaren weißen Zinnglasur versehen. Fayence ist die Verfeinerung davon. Im deutschsprachigen Raum spricht man schnell von Delfter Blau oder Fayence. Dies ist technisch gesehen Fayence höchster Qualität. Der Brennscherben wurde so dünn wie möglich gefertigt, um die fragile Ausstrahlung von chinesischem Porzellan zu imitieren. Ein beachtliches Stück Industriespionage aus dem siebzehnten Jahrhundert. In Frankreich blieb der Begriff Fayence dominant, während man in England eher von tin-glazed earthenware spricht.
Unterscheidung von anderen keramischen Materialien
Fayence versus Porzellan. Eine Welt des Unterschieds unter der Oberfläche. Porzellan ist durch und durch verglast, nahezu unempfindlich gegen Feuchtigkeit und oft leicht lichtdurchlässig. Fayence nicht. Der Kern bleibt porös. Klopft man an eine Fayencefliese, hört man einen dumpfen Klang; Porzellan gibt einen hellen Ping.
Andere verwandte Typen
- Steinzeug: Viel härter und bei höheren Temperaturen gebrannt als Fayence. Steinzeug ist von sich aus wasserdicht, während Fayence vollständig von seiner Glasurhaut abhängig ist.
- Terrakotta: Die basalste Form. Unglasiert und rotbrennend. Fayence ist im Wesentlichen Terrakotta mit einem „Mantel“ aus Zinnoxid.
- Creamware: Eine spätere Antwort auf die Empfindlichkeit der Fayence. Creamware (oder faience fine) verwendet eine andere Tonzusammensetzung, wodurch es stärker ist und keine undurchsichtige weiße Glasur benötigt, um die Farbe des Tons zu maskieren.
Im modernen Bauwesen wird Fayence manchmal mit Porcellanato-Wandfliesen verwechselt, die eine „handgebrannte“ Optik haben. Lassen Sie sich nicht täuschen. Moderne Keramik vermisst die Craquelé-Bildung und den sanften Glanz, die so typisch für den echten zinnglasierten Scherben sind. Fayence lebt. Sie arbeitet. Sie zeigt mit der Zeit winzige Haarrisschen in der Glasur. Das ist kein Mangel, sondern ein materialeigenes Merkmal.
Fayence in der Praxis
Stellen Sie sich die Restaurierung einer monumentalen Küche in einem historischen Grachtenhaus vor. Die Wände sind mit den ikonischen „weißen Fliesen“ verkleidet. Dies sind handgeformte Fayencefliesen, bei denen die weiße Zinnglasurschicht den manchmal etwas groben, gelblichen Ton darunter vollständig maskiert. Der Fliesenleger bemerkt sofort den Unterschied zu moderner Keramik. Beim Zuschneiden splittert die Glasurschicht schneller ab aufgrund der Spannung zwischen der harten Glasschicht und dem weichen, porösen Scherben. Eine ruhige Hand und ein scharfes Schneidrädchen sind hierbei unerlässlich.
Ästhetische Entscheidungen im Badezimmer
In einem zeitgenössischen Innenraumdesign wird oft der tiefe, sanfte Glanz gesucht, den nur Zinnoxid bieten kann. Eine Spritzwand hinter einem Waschtischmöbel aus Fayence verleiht eine ganz andere Lichtreflexion als eine standardmäßige industriell gefertigte Wandfliese. Die Oberfläche „lebt“. Kleine Variationen in der Glasurdicke sorgen für subtile Farbnuancen. Aber beachten Sie die Einschränkungen. Ein Installateur wird niemals empfehlen, diese Fliesen auf einem Boden zu verlegen. Die mechanische Belastung durch Fußgängerverkehr würde die fragile Glasurhaut in kürzester Zeit zum Bersten bringen oder abnutzen.
Erkennung bei der Inspektion
Bei einer bauphysikalischen Aufnahme stößt man auf einen alten Kamin. Ist es Porzellan oder Fayence? Der Inspektor klopft vorsichtig mit einem Fingernagel gegen die Oberfläche. Der Klang ist dumpf, fast erdig. Das deutet auf den porösen Kern von Fayence hin. Bei einer kleinen Beschädigung am Rand ist der „Scherben“ sichtbar; eine rötliche oder graue Tonmasse, die scharf mit der schneeweißen Deckschicht kontrastiert. Auch das Vorhandensein von Craquelé, einem feinen Netz von Haarrisschen, ist ein Hinweis. Dies entsteht durch die unterschiedlichen Ausdehnungskoeffizienten von Ton und Glasur während der jahrelangen Exposition gegenüber Temperaturschwankungen.
Normung und technische Klassifizierung
Die normative Grundlage für die Anwendung keramischer Wandfliesen ist in DIN EN 14411 verankert. Hierin werden Fliesen nach ihrem Wasseraufnahmevermögen und der Herstellungsmethode klassifiziert, wobei Fayence in der Regel in Gruppe BIII fällt. Wasseraufnahme über 10 Prozent. Dies ist ein kritischer Grenzwert. Er bestimmt direkt, warum Fayence für Außenanwendungen ungeeignet ist; Frost würde den porösen Scherben durch Ausdehnung eingeschlossenen Feuchten unreparierbar beschädigen. Die Europäische Bauproduktenverordnung (BauPVO) verlangt zudem, dass alle keramischen Fliesen, die dauerhaft in Bauwerken verarbeitet werden, mit einer CE-Kennzeichnung versehen sind. Eine Leistungserklärung (DoP) ist hierbei wesentlich. Diese Dokumentation gibt Aufschluss über das Brandverhalten, meist Klasse A1, und die Freisetzung gefährlicher Stoffe wie Blei und Cadmium, Stoffe, die historisch eng mit der Glaszusammensetzung von zinnglasiertem Steingut verbunden sind.
Restaurierung und denkmalrechtliche Rahmenbedingungen
Bei Arbeiten an Baudenkmälern gilt das Denkmalschutzrecht der Länder, was bedeutet, dass für die Veränderung oder Instandsetzung historischer Fliesenarbeiten oft eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich ist. Erhalt geht vor Erneuerung. Die Denkmalfachbehörden wenden Ausführungsvorschriften für die Konservierung und Restaurierung von Fayence und Steingut an. Prüfung der Haftung. Verwendung von Kalkmörteln statt harter Zementkleber. Es geht um chemische Kompatibilität. Ein zu starker Kleber kann den weichen Scherben einer antiken Fliese bei thermischer Spannung auseinanderreißen. In feuchten Räumen im Gewerbebau müssen die Wandoberflächen spezifische Hygienevorschriften erfüllen, wobei die undurchlässige Glasurschicht von Fayence technisch entspricht, sofern die Fugen gemäß den geltenden Richtlinien wasserdicht ausgeführt sind.