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BAUTEILE UND ZUBEHÖR

Drehkippfenster

Ein Drehkippfenster lässt sich horizontal schwenken und vertikal kippen, bedient mit einem Griff für Lüftung und Reinigung.

Stand: 07.11.2026

DEFINITION

Ein Fensterflügel, der durch kombinierten Beschlag sowohl horizontal schwenkbar als auch vertikal kippbar ist.

Beschreibung

Kein Fenstertyp ist im Wohnungsbau so verbreitet wie das Drehkippfenster. Es ist zum Standard für Neubau und Sanierung geworden. Ein Griff bedient den gesamten Mechanismus. Drehen nach innen für maximale Lüftung oder sichere Reinigung in der Höhe. Kippen für einen kontrollierten, feinen Luftstrom an der Oberseite. Das Herz dieses Fensters ist der Beschlag. Er verlangt Präzision. Eine Fehlbedienungssicherung ist hierbei kein Luxus, sondern dringend erforderlich; sie verhindert, dass der schwere Fensterflügel versehentlich aus seinen Lagern läuft, wenn der Griff in eine Zwischenstellung gezwungen wird. Beim luftdichten Bauen entscheidet die Anpresskraft der Schließzapfen auf die Gummidichtungen darüber, ob die Fassade die gestellten Anforderungen an die Infiltration erfüllt.

Funktionsweise und Bedienmechanismus

Die Funktionsweise eines Drehkippfensters beruht auf einem umlaufenden Stangensystem, das in die Falz des Fensterflügels integriert ist. Ein zentraler Griff steuert diesen Mechanismus. Durch die Drehung des Griffs verschieben sich die Treibstangen gleichzeitig entlang der Flügelränder. Die Stellung des Griffs bestimmt, welche Schließzapfen in die Schließbleche des Rahmens greifen und welche freigegeben werden. In der Drehstellung fungiert die vertikale Seite als Drehachse. In der Kippstellung entkoppelt die Oberseite, während der Scherenmechanismus die Fallbewegung begrenzt und die Unterseite als horizontales Scharnier dient.

Eine präzise Einstellung ist entscheidend für eine leichtgängige Bedienung. Millimeterarbeit. Über Stellschrauben am Ecklager und an der Schere wird die Position des Flügels gegenüber dem Rahmen korrigiert. Die Anpresskraft auf die Rahmendichtungen wird durch die Schließzapfen reguliert, die häufig exzentrisch ausgeführt sind. Dies beeinflusst unmittelbar die Luftdichtheit. Bei größeren Fensterflügeln werden zusätzliche Eckumlenkungen eingesetzt, um die Kraftverteilung über den gesamten Umfang zu gewährleisten. Eine Fehlbedienung wird in der Regel durch eine eingebaute Sperre verhindert, die den Griff blockiert, sobald der Flügel geöffnet ist, was verhindert, dass das Fenster gleichzeitig in die Dreh- und Kippstellung gelangt.

Materialwahl und Profilausführungen

Materialwahl und Profilausführungen

Die Wahl des Fensterprofils bestimmt nicht nur das Erscheinungsbild, sondern auch den Dämmwert und die Wartungsintensität. Kunststoffprofile sind im Wohnungsbau marktführend. Sie sind wartungsarm und bieten durch Mehrkammerprofile hervorragende thermische Eigenschaften. Aluminiumvarianten zeichnen sich durch ihre Schlankheit aus. Architekten wählen sie hier oft wegen der großen Glasflächen und der klaren Profilierung, die bei Holz- oder Kunststoffrahmen konstruktiv schwieriger zu realisieren ist. Holz bleibt der traditionelle Favorit, besonders im Sanierungsbereich und bei Baudenkmälern, wo die authentische Ausstrahlung und die Möglichkeit des Überstreichens den Ausschlag geben.

Stählerne Drehkippfenster bilden eine Nische. Teuer, aber unübertroffen in der Profilbreite. Häufig eingesetzt im Gewerbebau oder im hochwertigen Villenbau, wo eine industrielle Ästhetik angestrebt wird. Jedes Material stellt eigene Anforderungen an den Einbau des Beschlags; bei Aluminium wird häufig mit einer Euro-Nut gearbeitet, während bei Holz der Beschlag vollständig in die Falz eingefräst wird.

Drehkipp versus Kippdreh (Tilt-First)

Drehkipp versus Kippdreh (Tilt-First)

Nicht jedes Fenster mit dieser Doppelfunktion funktioniert gleich. Die Standardreihenfolge ist Drehen vor Kippen. Griff horizontal? Das Fenster schwenkt auf. Griff vertikal nach oben? Die Kippstellung wird aktiviert. Im Gewerbebau, in Pflegeeinrichtungen und Schulen findet man jedoch häufig den Kippdreh-Mechanismus, auch als ‚Tilt-First‘ bezeichnet. Hierbei führt die horizontale Griffstellung zur Kippstellung. Erst nach weiterem Drehen nach oben lässt sich das Fenster vollständig öffnen. Das ist eine Sicherheitsentscheidung. Sie verhindert, dass Unbefugte oder Kinder versehentlich einen schweren Fensterflügel weit öffnen, während die Lüftung über die Kippstellung weiterhin zulässig ist. Häufig wird dies mit einem abschließbaren Griff kombiniert, um die Drehfunktion für Unbefugte vollständig zu sperren.

Sichtbarer und verdeckt liegender Beschlag

Sichtbarer und verdeckt liegender Beschlag

Der Beschlag bestimmt die optische Ausführung. Bei der klassischen Variante sind die Scharniere (Ecklager und Scheren) am Rahmen und am Flügel sichtbar. Solide. Einfach zu montieren. Ästhetisch jedoch weniger klar. Der Trend bewegt sich stark in Richtung vollständig verdeckt liegender Beschläge. Hierbei sind die Drehpunkte vollständig in die Falz integriert. Keine Unterbrechung der Fensterlinien. Keine Farbunterschiede zwischen Abdeckkappen und Rahmen. Zudem ist dies aus technischer Sicht interessant: Die Gummidichtung wird nicht durch die Scharniere unterbrochen, was der Luftdichtheit und der Schalldämmung zugutekommt.

Sicherheitsklassen und RC-Werte

Sicherheitsklassen und RC-Werte

Ein Drehkippfenster ist durch die vielen beweglichen Teile von Natur aus einbruchanfälliger, sofern nicht die richtige Widerstandsklasse gewählt wird. In Deutschland ist die Widerstandsklasse RC2 (Resistance Class) nach DIN EN 1627 die gängige Anforderung an einbruchhemmende Fenster. Der Unterschied liegt im Detail:

  • Pilzkopfzapfen: Im Gegensatz zu glatten Zapfen verhaken sie sich im Schließblech, wodurch das Fenster nicht einfach mit einem Brecheisen aufgehebelt werden kann.
  • Anzahl der Verriegelungspunkte: Je größer das Fenster, desto mehr Verriegelungspunkte sind erforderlich, um die Steifigkeit zu gewährleisten.
  • Bohrschutz: Ein gehärtetes Stahlplättchen hinter dem Griff verhindert, dass Einbrecher von außen den Mechanismus durchbohren können.
  • Mehrscheibenglas: Bei höheren RC-Klassen ist auch die Verglasung Bestandteil der Einbruchhemmung.

Ein Fenster ohne diese Extras wird von Versicherern häufig als Risiko angesehen, besonders im Erdgeschoss.

Sichere Wartung in großer Höhe

Im vierten Stock eines Mehrfamilienhauses ist die Außenseite des Glases für einen gewöhnlichen Wischer unerreichbar. Der Bewohner dreht den Griff horizontal. Der komplette Fensterflügel schwenkt wie eine Tür nach innen. Nun ist die Außenscheibe plötzlich zur Innenseite des Raums geworden. Keine riskanten Kletteraktionen auf einer Leiter oder Abhängigkeit vom Glasreiniger mit Hubarbeitsbühne; die Scheibe ist im Handumdrehen von innen geputzt.

Lüften während eines Regenschauers

Es ist ein warmer, schwüler Abend und es beginnt leicht zu regnen. Im Schlafzimmer steht das Fenster in der Kippstellung mit dem Griff vertikal nach oben. Die Oberseite des Flügels ist etwa fünfzehn Zentimeter nach innen gekippt, während die Unterseite fest in der Falz ruht. Regentropfen gleiten über das schräg gestellte Glas nach unten, sauber außerhalb des Rahmens, während die dringend benötigte frische Luft ungehindert in den Raum strömt.

Korrektur eines klemmenden Flügels

Ein schwerer Fensterflügel mit Dreifachverglasung hat sich mit der Zeit durch sein Eigengewicht um einen Bruchteil gesenkt. Das Fenster schließt nicht mehr leichtgängig und schleift am Schließblech. Der Monteur entfernt die Kunststoffabdeckkappe des Ecklagers an der Unterseite. Mit einem Inbusschlüssel dreht er die Stellschraube einige Umdrehungen fest, wodurch der gesamte Flügel um einige Millimeter angehoben wird. Die Blockierung verschwindet. Der Griff lässt sich wieder ohne Widerstand bedienen, und die Anpresskraft auf die Dichtungen ist wieder überall gleich.

Die ‚Tilt-First‘-Variante in der Pflege

In einer Pflegeeinrichtung ist Sicherheit entscheidend, um Sturzunfälle zu vermeiden. Ein Bewohner dreht den Griff um eine Vierteldrehung. Das Fenster fällt nur in die Kippstellung zum Lüften. Weiteres Drehen ist nicht möglich; der Griff blockiert in der horizontalen Stellung. Erst wenn der Facility-Mitarbeiter den Griff mit einem speziellen Schlüssel entriegelt, kann der Griff vollständig nach oben gedreht werden, um den Flügel für eine gründliche Lüftung oder Reinigung weit zu öffnen.

Gesetzgebung und Normung

Gesetze bestimmen die Falz. Die Musterbauordnung (MBO) und die Landesbauordnungen lassen bei der sicheren Anwendung beweglicher Fassadenteile wenig Spielraum für Interpretation, wobei besonders die Aspekte Lüftungskapazität und Nutzersicherheit bei der technischen Beurteilung eines Bauentwurfs schwer wiegen. Ein Drehkippfenster ist kein unverbindliches Element.

Lüftung und Spüllüftungskapazität

Die Rolle des Drehkippfensters bei der Luftwechselrate wird über die DIN 1946-6 (Lüftung von Wohnungen) geregelt. Diese Norm legt fest, wie die Lüftungskapazität eines Raums zu berechnen ist. Für die sogenannte Spüllüftung, das schnelle Durchspülen der Luft, sind der Öffnungswinkel und der netto freie Querschnitt des Flügels entscheidend. Die Landesbauordnungen verlangen, dass jeder Aufenthaltsraum über eine ausreichende Spüllüftungskapazität verfügt. Ein Fenster, das nur gekippt werden kann, erfüllt häufig nicht die Mindestanforderungen an eine Spüllüftungseinrichtung, weshalb die vollständige Drehstellung rechtlich erforderlich wird.

Einbruchhemmung und DIN EN 1627

Sicherheit ist genormt. Die DIN EN 1627 ist die maßgebliche Norm für die Einbruchhemmung von Fenstern und Türen. Im Rahmen der Landesbauordnungen müssen Fenster in der erreichbaren Gebäudehülle einer Wohnung mindestens die Widerstandsklasse 2 (RC2) erfüllen. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf die Konfiguration des Drehkippmechanismus. Die Zertifizierung durch unabhängige Stellen ist hierbei der tatsächliche Nachweis, dass der Beschlag den Kräften eines Einbruchversuchs standhalten kann.

Absturzsicherung und Glassicherheit

Sicherheit bei Höhenunterschieden. Wird ein Drehkippfenster mit einer Brüstungshöhe unter 900 Millimetern eingebaut, treten besondere Sicherheitsanforderungen in Kraft, um zu verhindern, dass Personen durch das geöffnete Fenster nach außen stürzen. Dies kann bedeuten, dass eine Absturzsicherung in Form eines Holm oder Gitters erforderlich ist. Darüber hinaus ist die DIN 18008 (Glas im Bauwesen) für die Verletzungssicherheit von Bedeutung. Diese Norm schreibt vor, wann Verbundsicherheitsglas einzusetzen ist, um Schnittverletzungen bei Glasbruch zu vermeiden, besonders wenn das Fenster bis zum Boden reicht.

Regelwerk/NormAnwendung auf das Drehkippfenster
MBO/LBOAllgemeine Anforderungen an Sicherheit, Gesundheit und Gebrauchstauglichkeit.
DIN 1946-6Bestimmung der Lüftungs- und Spüllüftungskapazität in Kipp- und Drehstellung.
DIN EN 1627Klassifizierung der Einbruchhemmung (RC-Klassen).
DIN 18008Anforderung an Sicherheitsglas bei niedrigen Brüstungen oder großen Glasflächen.
DIN EN 13126-8Spezifische europäische Prüfnorm für den Beschlag von Drehkippfenstern.

Historische Entwicklung

Den Keim für das moderne Drehkippfenster legte das Deutschland der dreißiger Jahre. Wilhelm Frank entwickelte 1935 den ersten Beschlag, der diese Doppelfunktion industriell möglich machte. Eine Revolution. In den Anfangsjahren war die Bedienung noch alles andere als intuitiv; man benötigte oft mehrere Hebel, um den Flügel in die gewünschte Stellung zu bringen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg perfektionierte man die Technik bis zur Einhandbedienung, die wir heute kennen.

Die großflächige Einführung in der deutschen Baubranche ließ bis in die siebziger Jahre auf sich warten. Ölkrise. Energiearmut. Plötzlich war die Fugendichtheit traditioneller Schiebe- und Drehfenster nicht mehr ausreichend. Das Drehkippsystem bot mit seinen umlaufenden Schließzapfen die perfekte Lösung für das luftdichte Bauen. Die gleichzeitige Verbreitung von Systemdecken und vorgefertigten Betonwänden in den achtziger Jahren beschleunigte diese Übernahme; das Drehkippfenster passte perfekt in die standardisierten Fassadenöffnungen der modernen Wohnsiedlung. Seitdem hat sich die Technik von schweren, sichtbaren Scharnieren zu filigranen, verdeckt liegenden Beschlägen entwickelt, die Flügelgewichte bis zu dreihundert Kilo tragen können.

Häufige Fragen

Was ist ein Drehkippfenster?
Ein Drehkippfenster ist ein Fensterflügel, der durch einen kombinierten Beschlag sowohl horizontal schwenkbar als auch vertikal kippbar ist.
Welche Funktionen bietet ein Drehkippfenster?
Das Fenster lässt sich nach innen drehen für maximale Lüftung oder sichere Reinigung in der Höhe. Zusätzlich kann es kippen für einen kontrollierten, feinen Luftstrom an der Oberseite.
Warum ist eine Fehlbedienungssicherung beim Drehkippfenster wichtig?
Eine Fehlbedienungssicherung verhindert, dass der schwere Fensterflügel versehentlich aus seinen Lagern läuft, wenn der Griff in eine Zwischenstellung gezwungen wird.