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BAUSTOFFE UND ROHSTOFFE

Candlot-Salz

Candlot-Salz ist ein Synonym für Ettringit, ein expansives Mineral, das durch die Reaktion von Sulfaten mit Calciumaluminaten in zementgebundenen Materialien entsteht.

Stand: 05.11.2026

DEFINITION

Candlot-Salz ist ein Synonym für Ettringit, ein expansives Mineral, das durch die chemische Reaktion zwischen Sulfaten und Calciumaluminaten in zementgebundenen Materialien entsteht.

Beschreibung

In der Welt der Betonchemie wirkt Candlot-Salz als zwiespältiger Faktor. Während der ersten Stunden der Zementhydratation ist die Bildung dieser nadeligen Kristalle unerlässlich; sie regulieren nämlich das Abbinden des Betons, indem sie verhindern, dass das Tricalciumaluminat (C3A) zu schnell reagiert. Ohne diesen gesteuerten Prozessablauf würde der Beton sofort ‚erstarren' und unverarbeitbar werden. Die chemische Formel entsteht, wenn gelöste Sulfate, die aus dem zugesetzten Gips im Zement stammen, mit der Aluminatphase in wässrigem Milieu reagieren. Solange dieser Prozess abläuft, während der Beton noch plastisch oder jung ist, kann die Matrix die leichte Volumenzunahme problemlos aufnehmen. Die Gefahr liegt jedoch in der späteren Lebensphase eines Bauwerks, in der äußere Faktoren das Gleichgewicht stören.

Bildungsprozess und Wechselwirkung in der Zementmatrix

Chemische Wechselwirkung während der Hydratation

Die Bildung von Candlot-Salz beginnt, sobald Anmachwasser dem Zementgemisch zugegeben wird. In dieser flüssigen Phase lösen sich die Sulfatträger, meist Gips oder Anhydrit, auf und treten in eine direkte Reaktion mit den Tricalciumaluminaten aus dem Zementklinker. Es entstehen mikroskopisch kleine, nadelige Kristalle, die sich auf den Oberflächen der Zementkörner ablagern. Dieser Prozess bildet eine temporäre Barriere. Die Hydratationsgeschwindigkeit verlangsamt sich erheblich. Entscheidend für die Verarbeitbarkeit. Diese primäre Kristallisation findet innerhalb der plastischen Phase des Gemischs statt, wodurch die Volumenzunahme durch die flüssige Matrix absorbiert wird, ohne strukturellen Schaden zu verursachen.

Sobald der Sulfatvorrat in der Porenlösung erschöpft ist, stoppt das Wachstum dieser Nadeln. Die Kristalle können in einem späteren Stadium zu Monosulfat transformieren, abhängig vom chemischen Gleichgewicht im Beton. Bei einer späteren Exposition gegenüber Feuchtigkeit und externen Sulfaten kann sich dieser Prozess jedoch umkehren. Neue Kristallbildung findet statt. In erhärtetem Beton, wo die Matrix bereits starr ist, üben die wachsenden Kristalle einen enormen Druck auf die Porenwände aus. Innere Spannungen bauen sich auf. Das Ergebnis ist eine expansive Kraft, die die Kohäsion des Betons von innen heraus zerstört.

Einfluss thermischer Bedingungen

Bei hohen Temperaturen während der Aushärtung, oft über 65 Grad Celsius, verläuft der Prozess abweichend. Die initiale Bildung von Candlot-Salz wird unterdrückt oder die Kristalle lösen sich in der Matrix auf. Nach der Abkühlung bleiben die Komponenten latent in der Betonstruktur vorhanden. Wenn das Bauwerk später mit Feuchtigkeit in Kontakt kommt, kristallisiert das Salz dennoch aus. Dieses Phänomen, bekannt als verzögerte Ettringitbildung, manifestiert sich in der Regel durch ein charakteristisches Muster von Haarrissen oder größeren strukturellen Defekten. Die Geschwindigkeit dieses Prozesses variiert. Umgebungsfaktoren wie die Porosität des Betons und das Vorhandensein von Alkalien bestimmen die letztendliche Intensität der Reaktion.

Ursachen und Folgen der Candlot-Salzbildung

Die zerstörerische Wirkung von Candlot-Salz in ausgehärtetem Beton hat ihren Ursprung in einer unerwünschten Volumenvergrößerung. In einer bereits versteinerten Matrix ist schlichtweg kein Raum für Expansion. Die Ursache liegt oft verborgen in einem gestörten Gleichgewicht zwischen den vorhandenen Aluminaten und den verfügbaren Sulfaten in der Porenlösung. Feuchtigkeit fungiert hierbei als unverzichtbarer Katalysator. Ohne Wasser findet keine Reaktion statt. Bei der verzögerten Ettringitbildung (DEF) ist eine zu hohe Temperatur während der initialen Hydratation die Ursache; über 65 Grad Celsius wird die stabile Bildung von Kristallen behindert, wodurch die benötigten Komponenten latent in der Matrix zurückbleiben. Erst Jahre später, wenn Wasser in die Struktur eindringt, beginnt die Kristallisation dennoch. Diesmal in einer starren Umgebung.

Mechanismus des inneren Drucks

Wenn Sulfate aus der Umgebung, etwa aggressives Grundwasser oder belastete Böden, in den Beton eindringen, reagieren sie mit den vorhandenen Calciumaluminaten. Die Nadeln des Ettringits drängen sich in die mikroskopische Porenstruktur. Die Kristalle wachsen. Sie üben einen unaufhaltsamen Druck auf die Porenwände aus. Starre Matrix. Kein Ausweg. Die inneren Spannungen bauen sich auf, bis der Punkt erreicht ist, an dem die Zugfestigkeit des Zementsteins überschritten wird. Die Kohäsion zwischen der Zementpaste und den Gesteinskörnungen verschlechtert sich unwiderruflich.

Strukturelle Auswirkungen

Die Folgen manifestieren sich langsam, aber äußerst methodisch. In der ersten Phase ist der Schaden oft für das bloße Auge unsichtbar, aber intern findet bereits Demineralisation und Mikrorissbildung statt. Im Laufe der Zeit entstehen die folgenden Erscheinungen:

  • Charakteristische Rissmuster: Oft beginnt dies als feinmaschiges Netz von Haarrissen an der Oberfläche, auch als gerissener Beton bezeichnet.
  • Abplatzungen: Durch die expansiven Kräfte direkt unter der Oberfläche löst sich die Betondeckung ab (Abplatzen).
  • Verlust der Steifigkeit: Die konstruktive Integrität des Bauteils nimmt ab, weil die innere Struktur zerfällt.
  • Sekundärschäden: Die entstandenen Risse bilden eine Autobahn für andere schädliche Stoffe wie Chloride, die die Bewehrung schneller korrodieren lassen.

Letztendlich führt der anhaltende Druck des Candlot-Salzes zu einer vollständigen Desintegration des Materials. Der Beton verliert seine Funktion als schützende Hülle für die Bewehrung und als Träger der konstruktiven Last. Die Geschwindigkeit dieses Prozesses hängt stark mit der Porosität des Betons zusammen; je zugänglicher die Struktur für Feuchtigkeit, desto kürzer der Weg zum strukturellen Versagen.

Funktionale versus destruktive Varianten

Das eine Candlot-Salz ist nicht das andere. Entscheidend ist der Zeitpunkt der Entstehung. In der Betontechnologie wird strikt zwischen der primären und der sekundären Bildung unterschieden, wobei die erste Variante als notwendige Voraussetzung für die Verarbeitbarkeit gilt. Die primären Kristalle bilden sich innerhalb weniger Minuten bis Stunden nach der Hydratation. Sie regulieren das Abbinden. Ohne diese mikroskopische Nadelbildung würde der Mörtel sofort im Mischer ‚erstarren'. Ein Prozess von wesentlicher Bedeutung für jeden Betonierer. Die sekundäre Variante, oft als Delayed Ettringite Formation (DEF) bezeichnet, ist dagegen der Feind des Konstrukteurs. Diese Form entsteht erst, wenn der Beton bereits vollständig ausgehärtet ist und die Matrix keinen Raum mehr für Volumenausdehnung bietet. Die chemische Zusammensetzung beider ist identisch, aber ihre physische Auswirkung auf die Struktur unterscheidet sich grundlegend. Die primäre Variante integriert, die sekundäre Variante desintegriert.

Abgrenzung zu verwandten Verbindungen

Im chemischen Haushalt des Zementsteins kommt Candlot-Salz selten allein vor; es balanciert oft mit Monosulfat. Dieses Monosulfat entsteht, wenn der Sulfatvorrat erschöpft ist, aber noch Aluminiumverbindungen verfügbar sind. Es ist weniger voluminös. Nicht expansiv. Bei einer neuen Zufuhr von Sulfaten aus der Umgebung kann dieses Monosulfat jedoch wieder zu Ettringit ‚zurückschlagen'. Eine chemische Umkehrbarkeit, die Bauwerke für wechselnde Umgebungsbedingungen anfällig macht. Darüber hinaus besteht oft Verwechslung mit Thaumasit. Obwohl die nadeligen Kristalle unter dem Mikroskop einander ähneln, ist der Schaden, den Thaumasit anrichtet, um ein Vielfaches schwerwiegender. Thaumasit greift nämlich die Calciumsilikate an. Der eigentliche Kleber des Betons verschwindet. Während Candlot-Salz für inneren Druck und Rissbildung sorgt, verwandelt ein Thaumasitangriff den Zementstein in eine breiige Masse ohne jeglichen Zusammenhalt. Dieses Phänomen tritt spezifisch bei niedrigen Temperaturen und hoher Feuchtigkeit auf, oft in Kombination mit Kalksteinmehl als Füllstoff. Der Unterschied ist technisch subtil, aber konstruktiv von lebenswichtiger Bedeutung.

Praxisfälle und Schadensbilder

In der täglichen Baupraxis zeigt sich die destruktive Seite des Candlot-Salzes oft erst nach Jahren. Es beginnt subtil. Ein massives Fundament eines Brückenpfeilers, bei dem die Hydratationswärme während des Betonierens nicht gut beherrscht wurde, bildet ein klassisches Szenario. Die Kerntemperatur stieg über 70 Grad Celsius. Die Bildung von Ettringit wurde unterdrückt. Erst zehn Jahre später, unter dem Einfluss von ständigem Grundwasser, beginnt das Mineral dennoch zu wachsen, in der inzwischen starren Konstruktion. Der Pfeiler zeigt ein feinmaschiges Netz von Rissen. Die konstruktive Sicherheit ist gefährdet.

Ein weiteres erkennbares Beispiel findet sich in der Fertigteilindustrie. Um die Produktionsgeschwindigkeit zu erhöhen, werden Elemente manchmal durch Dampf beschleunigt ausgehärtet. Wenn der Thermostat versagt und die Temperatur überschießt, entsteht die ‚tickende Zeitbombe' der verzögerten Ettringitbildung. Die Fassadenplatten sehen bei der Lieferung perfekt aus. Nach fünf Jahren Exposition gegenüber Schlagregen auf der Baustelle beginnt der Beton jedoch von innen heraus zu quellen. Die Bewehrungsüberdeckung löst sich ab. Abplatzen. Die Reparatur ist kostspielig und oft nur eine vorübergehende Lösung.

  • Schlitze und Kanalisationen: Beton, der direkt mit sulfatreichem Wasser in Kontakt steht, zeigt oft nach einigen Jahren weiße Ausblühungen in den Rissen. Dies sind die auskristallisierten Nadeln.
  • Kühle Keller: In feuchten, kalten Umgebungen, in denen Kalksteinmehl verwendet wurde, kann die Reaktion zu einem Thaumasitangriff umschlagen. Der Beton verwandelt sich dort nicht in eine gerissene Masse, sondern in eine weiche, breiige Substanz, die man mit einem Schraubendreher wegkratzen kann.

Manchmal ist die Wirkung durchaus erwünscht. Bei schrumpfkompensierenden Mörteln wird die expansive Kraft des Candlot-Salzes bewusst eingesetzt. Die gesteuerte Volumenzunahme während der ersten Stunden hebt den natürlichen Schrumpf der Zementpaste auf. Das Ergebnis? Ein nahezu fugenloser Boden. Das Timing ist hier alles andere als zufällig. Die Chemie arbeitet hier für den Bauherrn, nicht gegen ihn.

Normative Rahmenbedingungen für die Sulfatbeständigkeit

Regeln gibt es nicht ohne Grund. Im deutschen Betonbau bilden die DIN EN 206 und die ergänzende DIN 1045-2 das normative Fundament für die Dauerhaftigkeit von Bauwerken. Im Mittelpunkt stehen hierbei die Expositionsklassen. Speziell die XA-Klassen. Diese Klassen richten sich auf den chemischen Angriff durch Sulfate in Grundwasser oder Boden. Wenn die Sulfatkonzentration bestimmte Grenzwerte überschreitet, ist die Wahl von Zement mit hoher Sulfatbeständigkeit zwingend vorgeschrieben. Die Norm DIN EN 197-1 klassifiziert diese sogenannten SR-Zemente (Sulfate Resisting). Das Ziel ist einfach, aber wesentlich: die Bildung von expansivem Candlot-Salz in erhärtetem Beton zu blockieren.

Keine Willkür bei der Betonmischung. Bei den Expositionsklassen XA2 und XA3 ist die Verwendung von Zement mit niedrigem C3A-Gehalt oft der einzige Weg zur Konformität. Der Gesetzgeber verlangt ein Bauwerk, das die vorgesehene Lebensdauer erreicht. Chemie darf das nicht verhindern.

Temperaturbeherrschung und Richtlinien

Hitze ist der Feind der Stabilität in jungem Beton. Das Merkblatt des Deutschen Ausschusses für Stahlbeton (DAfStb) zur Vermeidung von Schäden durch verzögerte Ettringitbildung spielt eine entscheidende Rolle bei der Prävention der verzögerten Ettringitbildung, der destruktiven Variante des Candlot-Salzes. Große Betonierungen erzeugen Hydratationswärme. Viel Wärme. Die Richtlinien stellen strenge Anforderungen an die maximale Kerntemperatur von frischem Beton während der Aushärtung. Meist liegt die kritische Grenze bei 65 Grad Celsius. Wird diese Grenze überschritten? Dann erfüllt das Bauteil technisch gesehen nicht die geltenden Qualitätsstandards für Dauerhaftigkeit.

Die Musterbauordnung (MBO) und die Landesbauordnungen (LBO) bilden die übergreifende rechtliche Hülle. Sie verweisen auf die Eurocodes. Diese fordern eine konstruktive Sicherheit, die durch innere chemische Reaktionen nicht beeinträchtigt wird. Die Überwachung der Temperaturentwicklung in massiven Bauteilen ist daher keine freiwillige Entscheidung. Sie ist eine Notwendigkeit für den Nachweis der Qualität. Bei Fertigteilen, die eine beschleunigte Aushärtung durch Dampf erfahren, gelten vergleichbare thermische Grenzen, um spätere Schadensersatzansprüche zu vermeiden.

Entdeckung und Entwicklung der Erkenntnis

Édouard Candlot. Der französische Ingenieur identifizierte das Doppelsalz im Jahr 1890. Ein chemischer Meilenstein. Damals war der Fokus auf die direkte Wechselwirkung während des Mischens von Zement beschränkt. Die Industrie suchte Kontrolle. Kontrolle über die Abbindezeit. Das Mineral wurde zunächst vor allem als technisches Hilfsmittel zur Vermeidung von ‚falschem Abbinden' gesehen. Doch die Zeit stand nicht still. Im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts veränderte sich die Perspektive grundlegend durch die zunehmenden Schadensfälle in Wasserbauwerken.

Forscher verknüpften die expansiven Kräfte mit externer Sulfatinfiltration. Die Betontechnologie reagierte. Es entstand ein Bedarf an Normierung. In den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kristallisierte sich das Wissen über sulfatbeständige Zemente zu harten technischen Anforderungen heraus. Der größte Paradigmenwechsel fand jedoch in den achtziger Jahren statt. Man entdeckte, dass Candlot-Salz nicht nur durch externe Quellen entstehen konnte, sondern auch latent nach einem zu heißen Aushärtungsprozess vorhanden bleiben konnte. Die verzögerte Ettringitbildung wurde ein Begriff. Diese Erkenntnis zwang die Branche zu strenger Temperaturbeherrschung während der Hydratation. Von einem chemischen Kuriosum transformierte es zu einem kritischen Faktor in der modernen konstruktiven Sicherheit.

Häufige Fragen

Was ist Candlot-Salz?
Candlot-Salz ist ein Synonym für Ettringit, ein expansives Mineral. Es entsteht durch die chemische Reaktion zwischen Sulfaten und Calciumaluminaten in zementgebundenen Materialien.
Welche Funktion hat Candlot-Salz während der Hydratation von Zement?
Während der ersten Stunden der Hydratation ist die Bildung von Candlot-Salz unerlässlich. Es reguliert das Abbinden des Betons, indem es verhindert, dass das Tricalciumaluminat (C3A) zu schnell reagiert, was entscheidend für die Verarbeitbarkeit ist.
Wie entsteht Candlot-Salz im Zement?
Candlot-Salz entsteht, wenn gelöste Sulfate, die aus dem zugesetzten Gips im Zement stammen, mit der Aluminatphase in wässrigem Milieu reagieren. Dieser Prozess beginnt, sobald Anmachwasser dem Zementgemisch zugegeben wird.