Beschreibung
Ausführung und Anwendung in der Praxis
Ursachen und Folgen des Funktionsverlusts
Der Erfolg der Cancelli als räumliche Absperrung war zugleich ihre Anfälligkeit. Da die Platten lose in Fugen oder Nuten standen, konnten sie sich beim Setzen des Kirchenbodens verwerfen oder wenn das Fundament der Kirche ungleichmäßig nachgab. Besonders in Kirchen mit hölzernen Bodenbalken trat Setzung auf, wodurch Pfosten kippten und Platten rissen oder aus ihren Nuten sprangen.
Ein weiteres Problem zeigte sich an der Grenzfläche zwischen Stein und Stein. Cancelli aus Marmor sind empfindlich gegenüber hygrischer Ausdehnung, besonders bei wechselnder Luftfeuchtigkeit in unbeheizten Kirchen. Auch Frost kann in Außenkirchen oder halboffenen Strukturen über kapillares Aufsteigen eindringen, mit Rissbildung in den Platten als Folge. In romanischen Kirchen zeigte sich dieses Phänomen oft zuerst an der Unterseite, wo Feuchtigkeit aus dem Boden aufgesogen wurde.
Die Folgen beschränkten sich nicht auf den Materialverlust. Wenn eine Platte verrutschte oder kippte, verschwand die klare Linie, die die Cancelli gerade so kennzeichnend machte. Eine Absperrung, die einst auf Brusthöhe eine deutliche visuelle Grenze bildete, konnte dadurch unbeabsichtigt Öffnungen aufweisen, durch die die Gläubigen hindurchsehen konnten – genau das, was die Cancelli verhindern sollten. Abgenutzte Nuten führten dazu, dass Platten beim Öffnen und Schließen des mittleren Durchgangs klapperten, was den liturgischen Gebrauch störte.
Bei durchbrochenen Exemplaren, den Transennen, traten zudem Brüche in den dünnen Stützstäben zwischen den Öffnungen auf. Diese fragilen Teile überstanden jahrhundertelangen Gebrauch oft weniger gut als die massiven Platten. Der visuelle Kontakt zwischen Chor und Schiff, der bei Transennen gerade das Ziel war, ging verloren, wenn ein Teil der Platte verfüllt oder durch massives Material ersetzt wurde. Das veränderte den Charakter der Absperrung dauerhaft, von offen zu geschlossen, von leicht zu schwer.
In der Praxis bedeutete dies, dass Cancelli relativ häufig repariert oder rekonstruiert wurden. Da die Platten lose aufgestellt waren, konnte ein beschädigtes Exemplar verhältnismäßig einfach ersetzt werden. Doch diese Ersetzungen fügten nicht immer dasselbe Material oder dieselben Abmessungen wie das Original hinzu, wodurch die Maßhaltigkeit der gesamten Reihe auf Dauer vom ursprünglichen Entwurf abweichen konnte.
Varianten und verwandte Begriffe
Cancelli kennen grob zwei Erscheinungsformen: die massive Plattenform und die durchbrochene Version, die Transenna. Bei massiven Platten besteht keine Sicht auf den Altar vom Schiff aus; Transennen lassen gerade visuellen Kontakt zu, blockieren aber den Durchgang. Die Wahl hing oft mit den liturgischen Auffassungen über die Sichtbarkeit des Altargeschehens zusammen. Durchbrochene Platten kamen vor allem in frühchristlichen Basiliken vor, massive Exemplare häufiger in romanischen Kirchen.
Der Begriff Cancelli wird mitunter mit einigen verwandten Begriffen verwechselt. Eine Chorschranke ist die spätere Variante, meist aus Holz oder Metall, die dieselbe Funktion erfüllte, aber höher und geschlossener sein konnte. Ein Lettner ist eine erhöhte Empore mit Brüstung, oft über einem Durchgang, auf der gesungen wurde; das ist ein strukturell anderes Element als die niedrigen Cancelli. Die Ikonostase, üblich in ostorthodoxen Kirchen, ist eine Wand aus Ikonen, die das Heiligtum vollständig dem Blick entzieht; die Cancelli waren in gewissem Sinne ihr Vorläufer, sind selbst aber nie so hoch oder geschlossen. Wer von „Cancelli“ spricht, meint also immer die niedrige, lose steinerne Absperrung, nicht die späteren oder höheren Varianten.
In der Literatur tauchen auch die Bezeichnungen Plutei und Transennae auf. Plutei sind die massiven Plattenfüllungen selbst, ohne die Pfosten und Handlaufleiste; Transennae sind die durchbrochenen Füllungen. Streng genommen ist eine Transenna also ein Untertyp der Platte, keine eigenständige Absperrung. Ein weiteres Wort, das manchmal auftaucht, ist Templon, die griechische Bezeichnung für die Absperrung vor dem Altar, aus der später die Ikonostase entstand. Der Unterschied liegt vor allem in Maßstab und Material: Das Templon konnte eine Kolonnade mit Architrav sein, während Cancelli immer niedrig und plattenförmig blieben.
Die Verwechslung mit „Kanzel“ ist hartnäckig und verständlich, denn beide Wörter teilen dieselbe etymologische Wurzel. Dennoch ist der Unterschied deutlich: Eine Kanzel ist ein erhöhter Predigtstuhl, von dem aus gesprochen wird, und keine Absperrung. Die Tatsache, dass Predigtkanzeln in manchen Kirchen buchstäblich an die Cancelli angebaut wurden, erklärt die Namensübertragung, macht sie aber noch nicht zu einer Variante voneinander. Kurz gesagt: Cancelli sind per Definition niedrig, lose aufgestellt und fungieren als Grenze, nicht als Sprechort oder Podest.
Beispiele aus der Praxis
Betritt man eine frühchristliche Basilika wie San Clemente in Rom, sieht man es sofort. Dort, direkt vor der Apsis, ragen die Cancelplatten bis zur Hüfthöhe auf. Marmor, blassgelb und glattgeschliffen von den Händen, die sich über Jahrhunderte darauf stützten. Es ist keine Mauer, kein Gitter, das einen aufhält, sondern eine Grenze, die man respektiert. Man blickt darüber hinweg, sieht den Altar, aber man steigt nicht einfach darüber.
In Ravenna funktioniert es anders. Dort ist der Priesterchor in San Vitale mit Transennen abgesetzt, durchbrochenen Marmorplatten mit stets wiederholten Kreisen und Kreuzen. Das Licht fällt hindurch, wirft Schatten auf den Boden, die sich mit der Sonne bewegen. Man sieht den Bischof durch die Öffnungen, Fragmente seiner Bewegungen, doch man steht draußen. Diese halbtransparente Trennung ist genau der Punkt.
Nehmen wir eine kleinere Kirche, eine romanische Dorfkirche in der Provence. Dort stehen die Cancelli nicht vor der Apsis, sondern rund um den Seitenaltar, eine einfache Kapelle im Südschiff. Zwei, drei Platten, mehr nicht. Diesmal keine Steinpfosten, sondern gusseiserne Ständer, die später hinzugefügt wurden, denn die ursprüngliche Halterung war längst verschwunden. Die Platten selbst sind aus einem älteren Bauwerk wiederverwendet; man sieht noch die Nuten einer früheren Konstruktion in den Seitenrändern. Pragmatisch, gewiss, aber es funktioniert noch immer: Die Kapelle ist abgegrenzt, ohne den Raum zu stören.
Und dann der Effekt, wenn es schiefgeht. In einer Kirche mit abgesacktem Boden sieht man den Unterschied zwischen alter und neuer Arbeit an der Oberkante der Handlaufleiste. Sie verläuft nicht mehr waagerecht, weicht um ein oder zwei Zentimeter beim dritten Pfosten ab. Von den Bänken aus fällt es nicht auf, aber wenn man daneben steht, sieht man die Bruchlinie im Rhythmus. Gerade diese klare Linie, die Cancelli so kennzeichnend macht, ist das Erste, was verloren geht.
Rechtliche Regelungen
Cancelli als historisches Bauteil fallen nicht unter eine spezifische deutsche Norm oder Vorschrift. Es gibt keine DIN-Norm, die vorschreibt, wie eine frühchristliche oder romanische Balustrade auszusehen hat oder wie sie zu konstruieren ist. Das ist logisch: Diese Elemente kommen in Deutschland kaum im Originalzustand vor, und wo sie angetroffen werden, handelt es sich fast immer um rekonstruierte oder restaurierte Exemplare im musealen oder kirchlichen Kontext.
Für eine Restaurierung oder Wiederaufstellung gelten jedoch allgemeine Rahmenbedingungen. Das Denkmalschutzrecht der Länder schützt kirchliche Baudenkmäler und damit auch die darin befindlichen historischen Innenausstattungen wie Cancelli. Eingriffe an geschützten Denkmalen bedürfen einer denkmalschutzrechtlichen Genehmigung, in die die Denkmalfachbehörden der Länder einzubeziehen sind. Auch die Grundsätze der Charta von Venedig zur Denkmalpflege können relevant sein, wenn Cancelli bei Ausgrabungen angetroffen werden oder Fragen der Erhaltung und Wiederherstellung zu klären sind.
Der Grundsatz der Denkmalpflege ist die Erhaltung des überlieferten Bestands, nicht die buchstabengetreue Befolgung einer Norm. Erhaltung geht vor Instandsetzung, Instandsetzung geht vor Rekonstruktion. Für eine lose Marmorplatte, die einst als Transenna in einer Chorschranke stand, bedeutet das zunächst die Untersuchung der ursprünglichen Aufstellung und Befestigung, bevor über Wiederaufstellung oder Konservierung entschieden wird.
Geschichte
Die Wurzeln der Cancelli liegen in der Antike, lange bevor sie ihren Weg in die christliche Liturgie fanden. Römische Gerichte und Theater verwendeten niedrige Balustraden, um Prozessparteien, Zuschauer und Publikum voneinander zu trennen. Dieses praktische Erbe war prägend für das Prinzip: eine Grenze, die nicht abschließt, aber markiert. Das lateinische „cancelli“ bedeutet wörtlich Gitterwerk oder Umfriedung, und diese Konnotation der Offenheit blieb jahrhundertelang haften, auch als die Platten massiv ausgeführt wurden.
In der frühchristlichen Basilika erhielten die Cancelli eine liturgische Bestimmung. Die Trennung zwischen Priesterchor und Schiff war keine architektonische Wahl, sondern eine kanonische Notwendigkeit. Nach dem Konzil von Laodicea im vierten Jahrhundert wurde den Laien der Zutritt zum Altarraum förmlich verwehrt. Darin lag der unmittelbare Anlass: Es musste eine physische Barriere entstehen, die die Sichtlinien nicht durchbrach und dennoch deutlich machte, wo die Grenze lag. Die antike Balustrade wurde dafür mit Plattenfüllungen kombiniert, wodurch ein neuer Typ der Absperrung entstand, der sich in der westlichen Kirchenbaukunst Hunderte von Jahren hielt.
Die Entwicklung verlief nicht gleichmäßig. In der östlichen Kirche entwickelten sich die niedrigen Platten zum Templon, einer Kolonnade mit Architrav, und schließlich zur vollständig geschlossenen Ikonostase. Der Westen wählte einen anderen Weg. Dort blieben Cancelli niedrig und transparent, auch als sich die Liturgie im Mittelalter weiterentwickelte. Die romanische Epoche brachte massivere und reicher verzierte Exemplare, doch die Höhe blieb auf Brusthöhe begrenzt. Erst mit der Gotik verlagerte sich der Schwerpunkt auf höhere Chorschranken aus Holz oder Metall, und die steinernen Cancelli verloren ihre dominante Rolle im Kirchenraum.
Das Wort selbst hat eine bemerkenswerte Nachkommenschaft. Die „Kanzel“ verdankt ihren Namen der Praxis, den Predigtstuhl an die Cancelli anzubauen; das englische „chancel“ für den Priesterchor ist direkt von diesen Balustraden abgeleitet. Diese etymologischen Spuren zeigen, wie tief die Cancelli in der kirchlichen Baupraxis verankert waren, auch als sie als Bauteil längst durch andere Formen der Absperrung ersetzt worden waren.