Beschreibung
Ausführung
Ursache und Folge
Ein freistehender Glockenturm ist per Definition anfälliger als ein Turm, der an einen Kirchenbau angelehnt ist. Das liegt an der Konstruktion: Ein Campanile muss das gesamte Gewicht selbst tragen, ohne Stütze durch angrenzendes Mauerwerk. Bei ungleichmäßiger Setzung des Fundaments entsteht schnell eine Schrägstellung. Der Turm von Pisa ist dafür das berühmteste Beispiel, aber auch anderswo in Italien stehen Campaniles, die sichtbar aus dem Lot geraten sind.
Der Untergrund spielt dabei eine entscheidende Rolle. Viele historische Campaniles stehen auf weichen Bodenschichten wie Sand oder Ton, die unter dem Gewicht des Turms ungleichmäßig zusammengedrückt werden. Die eine Seite sinkt schneller als die andere, wodurch der Turm zu kippen beginnt. Mit zunehmender Schrägstellung verschiebt sich der Schwerpunkt weiter von der Mitte, was den kippenden Effekt nur verstärkt. Ohne Eingreifen kann das schließlich zu Instabilität oder sogar zum Einsturz führen.
Auch das Mauerwerk selbst kann Probleme bereiten. Bei älteren Campaniles wurde oft Backstein oder Naturstein mit Kalkmörtel verwendet, der im Laufe der Zeit ausgewaschen oder abbröckeln kann. Das gilt vor allem für die höher gelegenen Teile, wo Wind und Regen freien Zugang haben. Risse im Mauerwerk sind dann ein Signal für Spannungen, etwa durch thermische Ausdehnung oder durch Vibrationen der Glocken. Diese Vibrationen verursachen auf Dauer Mikrorisse in den Fugen, die wiederum Feuchtigkeit eindringen lassen.
Feuchtigkeit ist ein Schleicher für Campaniles. Dadurch, dass der Turm frei steht, wird er von allen Seiten durch Regen und aufsteigendes Grundwasser belastet. Bei Frost kann dieses Wasser in den Poren des Mauerwerks expandieren, mit Frostschäden als Folge. Besonders bei Türmen, die einst mit zementhaltigem Mörtel restauriert wurden, entstehen dann Probleme: Dieser Mörtel ist härter als das ursprüngliche Mauerwerk, wodurch die Feuchtigkeit nicht mehr gut verdunsten kann und gerade tiefer in das Mauerwerk eindringt.
Die Glockenetage ist oft der erste Teil, der Verfallserscheinungen zeigt. Der offene Charakter dieser Baulage macht, dass Wind, Regen und Vögel relativ leicht an sie herankommen. Mit der Zeit ermüden die Stürze über den Schallöffnungen, vor allem wenn sie aus Naturstein oder Holz gefertigt sind. Das kann zu einer Schrägstellung der Öffnungen und im schlimmsten Fall zum Ausfall von Mauerwerk führen. In Kombination mit der dynamischen Belastung der läutenden Glocken ist das ein Risiko, das bei keinem Campanile unterschätzt werden darf.
Arten und Varianten
Der Campanile kennt grob zwei Haupttypen: den freistehenden Turm und den Turm, der zwar frei steht, aber ursprünglich Teil eines größeren Komplexes war. In Italien ist der erste Typ bei weitem am verbreitetsten, mit berühmten Beispielen wie dem Turm von Pisa und dem von San Marco in Venedig. In den Niederlanden, vor allem in der Provinz Groningen, findet man freistehende Kirchtürme, die unter dieselbe Bezeichnung fallen. Diese Groninger Exemplare, wie der Turm der Der-Aa-Kirche, werden im Volksmund auch einfach losse toren oder gewoon toren genannt, funktionieren aber faktisch als Campanile.
Ein wichtiger Unterschied liegt in der Bauform. Viele Campaniles haben einen quadratischen Grundriss, aber es gibt auch runde Exemplare. Runde Türme sind seltener und kommen vor allem in Norditalien vor. Auch der Aufbau unterscheidet sich: Manche Türme verjüngen sich nach oben in deutlichen Geschossen, andere verlaufen nahezu gerade nach oben mit lediglich einer Bekrönung aus Zinnen oder einer Spitze.
Auch hinsichtlich der Funktion lässt sich eine Unterscheidung treffen. Der klassische Campanile diente rein als Glockenturm. Es gab jedoch Varianten, die gleichzeitig als Wachtturm oder Aussichtsposten fungierten, vor allem in Städten mit strategischer Lage. Diese Türme haben oft kleinere Öffnungen und einen schwereren Kern, da sie einer Belagerung standhalten mussten. Eine dritte Variante ist der Campanile, der Teil eines Klosters oder Stadtpalastes ist, wobei der Turm zwar frei steht, aber eindeutig auf den Komplex bezogen ist. Diese Exemplare sind oft kleiner und weniger hoch als der große Stadtturm.
Ein Begriff, der häufig mit Campanile verwechselt wird, ist Belfried. Der Unterschied liegt im Ursprung: Ein Belfried ist ein mittelalterlicher Stadtturm, oft Teil eines Rathauses oder einer Tuchhalle, und diente als Symbol städtischer Macht. Die Glocken in einem Belfried waren meist dazu bestimmt, die Bürgerschaft zusammenzurufen, nicht für religiöse Zwecke. Ein Campanile gehört dagegen zu einer Kirche und hat von jeher eine liturgische Funktion, auch wenn der Turm im Notfall als Aussichts- oder Signalturm dienen konnte.
Beispiele aus der Praxis
Man steht auf der Piazza dei Miracoli in Pisa und sieht den berühmten schiefen Turm. Er ist nicht fest mit dem danebenliegenden Dom verbunden, sondern steht einige Meter entfernt. Das ist ein Campanile in seiner klassischsten Form: ein freistehender Glockenturm, der vollständig aus eigener Kraft balanciert.
In Venedig funktioniert es genauso. Der Markusplatz wird vom hohen Campanile dominiert, losgelöst von der Basilika. Er ist vor allem als Aussichtspunkt bekannt, aber seine primäre Funktion ist das Läuten der Glocken. Früher kündigte eine bestimmte Glocke die Öffnung des Marktes an, eine andere den Beginn der Senatssitzung.
Auch die Niederlande kennen das Phänomen. In Groningen steht der Martinitoren, der älteste der Stadt, frei von der Martinikirche. Touristen nennen ihn oft einfach Martinitoren, aber bautechnisch gesehen ist er ein Campanile. Der Turm der Der-Aa-Kirche in derselben Stadt ist ein weiteres Beispiel: freistehend, mit quadratischem Grundriss, und er dient als Glockenturm, während die Kirche selbst keinen Turm hat.
In der Praxis trifft man Campaniles also an Orten an, wo der Untergrund oder die Baugeschichte es unmöglich machten, den Turm an die Kirche anzubauen. Oder wo der Turm schlicht später hinzugefügt wurde und kein Platz war, ihn mit dem bestehenden Gebäude zu verbinden.
Gesetze und Vorschriften
Für Campaniles gilt keine spezifische Gesetzgebung, die ausschließlich auf diesen Turmtyp anwendbar ist. Die relevanten Regeln ergeben sich aus breiteren Rahmenwerken für Denkmalpflege und Baukonstruktionen.
Baudenkmäler, zu denen die meisten historischen Campaniles in den Niederlanden gehören, fallen unter das Erfgoedwet (Denkmalgesetz). Dieses Gesetz regelt unter anderem den Schutz von Denkmälern und die Genehmigungspflicht für Änderungen. Eine Restaurierung eines Campanile erfordert daher eine omgevingsvergunning (Umgebungsgenehmigung), die früher im Monumentenwet enthalten war und nun unter das Omgevingswet (Umgebungsgesetz) fällt. Gemeinden prüfen, ob Eingriffe das Denkmal beeinträchtigen.
Daneben sind technische Richtlinien relevant, insbesondere für die konstruktive Sicherheit. Die NEN-8700-Reihe befasst sich mit der Beurteilung bestehender Baukonstruktionen und wird bei freistehenden Türmen häufig angewandt. Bei einem Campanile konzentriert sich das auf Stabilität, Fundament und dynamische Belastung durch bewegte Glocken. Die Vibrationen, die das Läuten verursacht, bilden nämlich ein anderes Belastungsmuster als bei gewöhnlichen Gebäuden.
Für den Neubau eines Campanile ist das Bouwbesluit (Bauverordnung) anwendbar, mit Anforderungen an konstruktive Sicherheit, Nutzung und Zugänglichkeit. Historische Exemplare sind daran nicht gebunden, aber bei einer Nutzungsänderung oder einem tiefgreifenden Umbau können Teile der Regeln dennoch gelten.
Geschichte
Der Ursprung des Campanile liegt in Norditalien, wo ab dem 6. Jahrhundert freistehende Glockentürme bei Kirchen entstanden. Ravenna gilt als eines der frühesten Zentren; der Turm von Sant'Apollinare Nuovo stammt aus dieser frühen Periode. Das Konzept verbreitete sich danach über die italienische Halbinsel, vor allem in Städten wie Venedig und Pisa, wo die Türme zu eigenständigen Bauwerken mit eigener architektonischer Logik heranwuchsen.
Die frühen Exemplare waren robust und geschlossen im Charakter, mit wenigen Öffnungen und einer deutlichen militärischen Ausstrahlung. Erst ab dem 11. Jahrhundert entstand der Typ, den wir heute kennen: ein schlankerer Turm mit mehreren Geschossen, bei dem sich die Glockenetage oben befindet. Diese Entwicklung fiel mit dem Aufkommen der romanischen Baukunst zusammen, bei der Vertikalität und rhythmische Gliederungen im Mittelpunkt standen. Der Turm von San Marco in Venedig, dessen heutige Form auf einen Wiederaufbau von 1912 zurückgeht, ist das bekannteste Beispiel dieses späteren Typs.
Im Laufe des Mittelalters erhielt der Campanile auch eine zivile Funktion. Türme wurden als Aussichtsposten, Signalposten oder sogar als Leuchttürme in Küstenstädten genutzt. Diese Funktionsvermischung war in Italien üblicher als in Nordeuropa, wo Kirchtürme meist an die Kirche angebaut waren. Der freistehende Turm blieb dadurch ein typisch italienisches Phänomen, wenngleich es Ausnahmen gibt wie die Groninger Kirchtürme, die ab dem 13. Jahrhundert aus praktischen Gründen losgelöst vom Schiff gebaut wurden, da der weiche Untergrund einen angebauten Turm riskant machte.
Die Blütezeit des Campanile lag zwischen dem 11. und 16. Jahrhundert. Danach nahm der Bau neuer Exemplare ab, vor allem weil sich die Architektur stärker auf Fassaden und Kuppeln als auf freie Türme richtete. Im 19. Jahrhundert entstand jedoch eine Wiederbelebung. Das romantische Interesse am Mittelalter führte zu Neostilen, in denen Campaniles erneut errichtet wurden, manchmal als Teil von Neubaukirchen. Auch Restaurierungen bestehender Türme erhielten in dieser Periode einen Impuls; der Turm von San Marco wurde nach dem Einsturz 1902 in ursprünglicher Form wiederaufgebaut, was die Bedeutung des Typs als kulturelles Erbe unterstrich.
Das 20. Jahrhundert brachte eine neue Funktion: Campaniles wurden in der modernen Architektur eingesetzt, nicht länger an Kirchen gebunden. Man denke an Glockentürme bei Rathäusern oder Universitätsgebäuden, die dieselbe freistehende Anlage verwenden, aber ohne religiöse Bedeutung. Diese Entwicklung zeigt, dass der Campanile als Bautyp seinen ursprünglichen Kontext überlebt hat und in veränderter Form noch immer angewendet wird.