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BAUSTOFFE UND ROHSTOFFE

Atmen

Atmen bezeichnet die Fähigkeit von Baustoffen, Wasserdampf durch Diffusion in eine Zone mit niedrigerem Dampfdruck zu transportieren.

Stand: 03.11.2026

DEFINITION

Die Fähigkeit von Baustoffen oder Bauteilen, Wasserdampf mittels Diffusion in eine Zone mit niedrigerem Dampfdruck zu transportieren.

Beschreibung

Atmen ist im Bauwesen eine häufig verwendete, technisch aber irreführende Metapher. Es findet nämlich kein lungenartiger Gasaustausch statt. Stattdessen geht es um die Diffusion von Wasserdampfmolekülen durch die Kapillaren und Poren von Materialien. Der Prozess wird durch Unterschiede im Dampfdruck angetrieben. Warme Innenluft enthält oft mehr Feuchtigkeit als kalte Außenluft, wodurch ein natürlicher Drang entsteht, diese Feuchtigkeit durch die Gebäudehülle nach außen zu drücken. Materialien, die diesen Prozess ermöglichen, ohne selbst gesättigt zu werden oder ihren Dämmwert zu verlieren, nennt man dampfdurchlässig. Es ist ein entscheidender Mechanismus, um den Feuchtehaushalt einer Konstruktion stabil zu halten.

Prozessablauf und Ausführung

Diffusionsstrom und Materialabfolge

Der Prozess kommt durch eine Druckdifferenz in Gang. Drinnen ist es oft warm und feucht. Draußen kalt. Wasserdampf sucht den Weg des geringsten Widerstands durch die Konstruktion. Bei der Ausführung einer atmenden Fassade oder Dachkonstruktion werden Materialien mit niedrigem Diffusionswiderstand (μ-Wert) ausgewählt. Man baut die Konstruktion von dampfdichter auf der warmen Seite zu immer dampfdurchlässiger auf der kalten Seite auf. Die Moleküle bewegen sich durch die mikroskopischen Öffnungen in der Materialstruktur. Ein entscheidender Arbeitsschritt ist die luftdichte, aber dampfdurchlässige Ausführung der Außenhülle. Dies geschieht häufig mit speziellen Bahnen oder Folien, die den Transport zulassen, ohne dass Zugluft entsteht.

Feuchtetransport in der Praxis

Dampf sucht einen Ausweg. In der Praxis werden Dämmstoffe wie Mineralwolle oder natürliche Fasern ungehindert passiert, sofern keine dampfdichte Barriere im Weg steht. Die Moleküle schlüpfen durch die Poren des Dämmmaterials und der Bauteile, angetrieben von den Gesetzen der Thermodynamik. Auf der Außenseite der Dämmung wirkt eine dampfdurchlässige Membran wie ein Einwegventil; Feuchtigkeit von innen gelangt hinaus, Regenwasser aber nicht hinein. Häufig wird dieser Prozess durch einen belüfteten Luftspalt hinter der Fassadenbekleidung unterstützt. Hier wird der abgegebene Dampf von der zirkulierenden Außenluft aufgenommen und direkt an die Atmosphäre abgeführt. Es ist ein passiver Mechanismus. Ein empfindliches Gleichgewicht zwischen Widerstand und Durchlässigkeit. Keine Filter, die ausgetauscht werden müssen, sondern eine materialkundliche Eigenschaft, die konstant aktiv ist, solange ein Gradient zwischen Innen- und Außenumgebung vorhanden ist.

Ursachen und Folgen der Dampfdiffusion

Dampfdruckunterschiede bilden den Motor hinter diesem Phänomen. Es ist reine Thermodynamik. Warme Innenluft enthält deutlich mehr Feuchtemoleküle als die kältere Außenluft, wodurch ein Gradient entsteht, der die Feuchtigkeit unerbittlich durch die Gebäudehülle drängt. Die Moleküle suchen einen Weg nach draußen. Materialien mit offener Zellstruktur oder niedrigem Diffusionswiderstand ermöglichen diesen Transport über ihr mikroskopisches Porensystem. Das Material wirkt als filterlose Membran. Eine direkte Folge dieser Fähigkeit ist die ständige Regulierung des Feuchtehaushalts in der Konstruktion. Feuchtigkeit staut sich nicht auf. Der Wärmedurchlasswiderstand von Dämmstoffen bleibt dadurch stabil, da Feuchteansammlungen den Dämmwert unmittelbar verschlechtern würden. Wasser leitet Wärme, ruhende Luft nicht. Die Konstruktion bleibt in einem trockenen, energetisch günstigen Zustand. Es birgt jedoch ein physikalisches Risiko in diesem Prozess. Sobald der Wasserdampf in die kälteren Zonen der Fassade oder des Daches gelangt, nähert er sich dem Taupunkt. Der gasförmige Dampf kondensiert dann zu flüssigem Wasser. Interstitielle Kondensation ist die Folge. Dies beeinträchtigt die Integrität der Materialien. Hölzerne Unterkonstruktionen können verrotten, metallische Befestigungsmittel oxidieren und die Gefahr von Schimmelbildung innerhalb der Konstruktion nimmt bei Sättigung exponentiell zu. Das Gleichgewicht zwischen der Dampfzufuhr und der Abgabegeschwindigkeit auf der kalten Seite bestimmt den letztendlichen Zustand des Bauwerks.

Funktionale Abstufungen der Dampfdurchlässigkeit

In der Bautechnik wird der Begriff 'Atmen' in ein Spektrum von Widerstandswerten übersetzt. Dabei geht es um den μ-Wert, also die Diffusionswiderstandszahl. Je niedriger diese Zahl, desto leichter wandert Dampf durch das Material. Wir unterscheiden drei wesentliche Kategorien:

  • Dampfdurchlässige Materialien: Diese haben einen sehr niedrigen Widerstand (oft eine μd-Wert unter 0,5 Meter). Typische Beispiele sind unbehandeltes Holz, Kalkputz, bestimmte Ziegelarten und Dämmstoffe wie Holzwolle oder Flachs. Sie lassen Feuchtigkeit nahezu ungehindert durch.
  • Dampfbremsende Schichten: Diese verzögern die Diffusion erheblich, schließen sie aber nicht aus. Sie werden häufig auf der warmen Seite der Dämmung eingesetzt, um den Strom zu dosieren.
  • Dampfdichte Systeme: Hier ist von Atmen keine Rede. Man denke an Aluminiumfolien oder dicke PE-Folien, die die Konstruktion hermetisch gegen Wasserdampf abschließen.

Das Mischen dieser Varianten in falscher Reihenfolge führt unweigerlich zu Schäden. Die goldene Regel in der Bauphysik lautet: von innen nach außen immer dampfdurchlässiger bauen. Eine atmende Fassade erfordert auf der Außenseite Materialien, die diffusionsoffener sind als die auf der Innenseite.

Hygroskopische Pufferung versus passive Diffusion

Ein häufig gemachter Denkfehler ist, dass Atmen lediglich das passive Durchlassen von Molekülen betrifft. Es besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen Materialien, die rein dampfdurchlässig sind, und solchen, die hygroskopisch 'atmen'. Mineralwolle ist dampfdurchlässig, macht aber nichts mit der Feuchtigkeit; sie lässt sie lediglich passieren. Biobasierte Materialien wie Lehm, Stroh oder Hanffaser besitzen jedoch ein Puffervermögen. Sie speichern Feuchtigkeit vorübergehend in ihrer Zellstruktur bei hoher Luftfeuchtigkeit und geben diese wieder ab, sobald die Umgebung trockener wird. Dieser Prozess reguliert das Innenraumklima aktiv. Es ist eine dynamische Form des Atmens, die über die einfachen Transportgesetze der Diffusion hinausgeht. In der Praxis nennen wir dies auch Feuchteregulierungsvermögen.

Begriffsverwechslung mit Lüftung und Luftdurchlässigkeit

Luftdichtheit und Atmungsfähigkeit sind zwei völlig unterschiedliche Größen. Ein Missverständnis, das sich hartnäckig hält. Eine Konstruktion sollte luftdicht sein, um Energieverlust und Zugluft zu vermeiden. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Konstruktion nicht atmen kann. Eine Wand kann perfekt luftdicht sein (keine unkontrollierten Luftströme durch Ritzen), gleichzeitig aber sehr dampfdurchlässig (Wasserdampfmoleküle wandern durch den Feststoff). Atmen geschieht auf molekularer Ebene durch die Materie hindurch. Lüftung geschieht durch Öffnungen in der Konstruktion. Verwenden Sie den Begriff Atmen niemals als Synonym für Lüftung. Lüftung erneuert Luft. Atmen transportiert Feuchtigkeit. Ein dampfdichtes Haus ohne Lüftung wird zum Treibhaus. Ein atmendes Haus ohne Lüftung ebenso, denn die Abfuhrkapazität über Diffusion ist nie groß genug, um die gesamte Feuchteproduktion der Bewohner abzuführen. Es ist ein ergänzender Mechanismus, kein Ersatz.

Praxisbeispiele atmender Konstruktionen

Ein denkmalgeschütztes Gebäude mit massiven Backsteinmauern und Kalkmörtel veranschaulicht diesen Prozess perfekt. Die Materialien sind von Natur aus porös. Wenn der Bewohner die Innenseite jedoch mit einer dampfdichten Schicht ohne Atmungsfähigkeit dämmt, schlägt sich Feuchtigkeit an der Grenzfläche nieder. Bei einem atmenden Ansatz, beispielsweise mit Holzwolle und einer dampfbremsenden statt dampfdichten Folie, wandert der Dampf kontrolliert nach außen. Die Konstruktion bleibt trocken.

Das Badezimmer mit Lehmputz

In einem Badezimmer ist die Dynamik direkt sichtbar. Bei Wänden mit traditionellen Fliesen beschlägt der Spiegel sofort; die Feuchtigkeit kann nirgendwohin. Eine Wand mit Lehmputz zeigt ein anderes Verhalten. Der Lehm 'atmet', indem er beim Duschen Feuchtemoleküle in den Kapillaren aufsaugt. Die relative Luftfeuchtigkeit steigt langsamer an. Sobald der Raum gelüftet wird, gibt der Lehm die gespeicherte Feuchtigkeit wieder an die Luft ab. Dies ist hygroskopische Pufferung in Aktion.

Holzrahmenbau und die dampfdurchlässige Hülle

Man denke an eine moderne Holzrahmenbauwand. Auf der Innenseite befindet sich eine OSB-Platte, die als Dampfbremse wirkt. Die Dämmung besteht aus Flachs oder Zellulose. Auf der Außenseite wird eine sehr dampfdurchlässige Holzfaserplatte montiert. Dampf, der aus der Wohnung in die Konstruktion eindringt, trifft auf der Außenseite auf immer geringeren Widerstand. Er 'atmet' sozusagen durch die Fassade hindurch zum Lüftungsspalt. Es entsteht keine Ansammlung. Die Holzständer bleiben von Fäulnis verschont, einfach weil die Wand nicht an ihrem eigenen Dampf 'erstickt'.

Der Fehler mit dampfdichter Farbe

Ein typischer Schadensfall tritt bei alten Fassaden auf, die mit modernen, dampfdichten Farben überstrichen werden. Die Wand konnte zuvor über die Steine und Fugen atmen. Die neue Farbschicht bildet eine undurchdringliche Barriere. Feuchtigkeit aus dem Kriechkeller oder durch Schlagregen zieht in das Mauerwerk ein, kann aber nicht mehr über Diffusion entweichen. Im Winter gefriert diese eingeschlossene Feuchtigkeit direkt hinter dem Farbfilm. Die Farbe blättert ab. Manchmal platzen sogar die Köpfe der Backsteine ab. Das Gleichgewicht ist gestört.

Rechtliche Rahmenbedingungen für die Feuchtebeherrschung

In der deutschen Gesetzgebung wird man den Begriff 'Atmen' kaum finden. Juristisch ist er zu vage. Die Musterbauordnung (MBO) und die Landesbauordnungen sprechen eher von der Abwehr von Feuchtigkeit. Die einschlägigen Anforderungen an den Feuchteschutz sind in der DIN 4108-3 geregelt. Die Norm legt fest, dass eine Konstruktion so zu bemessen ist, dass keine schädliche Feuchtigkeitsansammlung entsteht. Die Dampfdiffusion ist die physikalische Methode, um diese Anforderung zu erfüllen. Es geht um Gesundheit. Um Dauerhaftigkeit. Ein Gebäude, das nicht 'atmet', obwohl der Konstruktionsaufbau dies erfordert, erfüllt schlichtweg nicht die Anforderungen an ein gesundes Innenraumklima.

DIN 4108-3 ist der normative Maßstab. Das Glaser-Verfahren. Diese Norm beschreibt die Berechnungsmethode, um zu bestimmen, ob in einer Fassade oder einem Dach Tauwasser im Inneren auftritt. Sie prüft, ob der Dampfstrom ungehindert seinen Weg nach außen findet. Beim dampfdurchlässigen Bauen ist dies die Grundlage jeder Berechnung. Der Gesetzgeber verlangt, dass wir Materialien so kombinieren, dass die Konstruktion nicht 'erstickt', was in der Praxis der Einhaltung dieser spezifischen Berechnungsnormen entspricht.

DIN 4108-2 spielt eine ergänzende Rolle beim sommerlichen Wärmeschutz. Bei Baudenkmälern oder umfassenden Sanierungen kollidiert die Dämmverpflichtung aus dem Gebäudeenergiegesetz (GEG) oft mit der ursprünglichen bauphysikalischen Wirkungsweise. In diesen Fällen zwingt die Regelung zur Verwendung dampfdurchlässiger, atmender Systeme, um die Integrität der bestehenden Baustoffe gegen Holzfäule und Schimmelbildung zu schützen.

Von poröser Tradition zur hermetischen Abschottung

Vor der industriellen Revolution war 'Atmen' keine bewusste Entscheidung, sondern ein technisches Nebenprodukt der verfügbaren Materialien. Backstein, Kalkmörtel und Holz bildeten ein poröses Ganzes. Feuchtigkeit fand unweigerlich ihren Weg durch die Materie. Das war der Standard. Erst mit dem Aufkommen der Massenproduktion und synthetischer Materialien im zwanzigsten Jahrhundert änderte sich dies drastisch. Bitumen und später Polyethylenfolien führten das Konzept der dampfdichten Hülle ein. Ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit. Die siebziger Jahre markieren hierin einen entscheidenden Wendepunkt. Die Energiekrise zwang zu dickeren Dämmpaketen. Die bauphysikalische Kenntnis blieb jedoch hinter der Ausführungsgeschwindigkeit zurück. Konstruktionen wurden hermetisch abgeschlossen, ohne Blick auf den Feuchtehaushalt. Die Folge war eine Welle von Bauschäden. Verrottete Dachschalungen und hartnäckiger Schimmel wurden zur neuen Normalität in zu gut gedämmten Häusern.

Die 'Atem'-Metapher als Gegenbewegung

Der Begriff 'Atmen' wurde in den achtziger Jahren von der aufkommenden ökologischen Baubewegung übernommen. Er diente als kraftvolles, fast romantisches Gegengewicht zu den 'Plastiktüten'-Häusern jener Zeit. Man suchte eine Rückkehr zu natürlichen Materialien wie dampfdurchlässiger Holzfaser und Lehm. Obwohl der Begriff technisch gesehen unrichtig ist, es sind schließlich keine Lungen vorhanden, fasste er das Bedürfnis nach Feuchteregulierung perfekt zusammen. In dieser Zeit verschob sich der Fokus von reiner Luftdichtheit auf die aktive Beherrschung von Dampfströmen. Wissenschaftler wie der Deutsche Helmut Glaser hatten die theoretische Grundlage für Diffusionsberechnungen bereits in den fünfziger Jahren gelegt, aber es dauerte Jahrzehnte, bis diese Methodik zum Standard in der regulären Baubranche wurde. Die Metapher blieb haften. Die Technik indes verfestigte sich zu den präzisen Materialkennwerten, die wir heute zur Vermeidung von Konstruktionsfehlern anwenden.

Häufige Fragen

Was bedeutet 'Atmen' im Bauwesen?
Es ist die Fähigkeit von Baustoffen oder Bauteilen, Wasserdampf über Diffusion in eine Zone mit niedrigerem Dampfdruck zu transportieren. Dies geschieht durch die Diffusion von Wasserdampfmolekülen durch die Kapillaren und Poren von Materialien.
Warum ist das 'Atmen' von Baustoffen wichtig?
Es ist ein entscheidender Mechanismus, um den Feuchtehaushalt in einer Konstruktion stabil zu halten. Materialien, die diesen Prozess ermöglichen, ohne selbst gesättigt zu werden oder ihren Dämmwert zu verlieren, nennt man dampfdurchlässig.
Wie wird eine atmende Konstruktion, etwa eine Fassade oder ein Dach, aufgebaut?
Man baut die Konstruktion von dampfdichter auf der warmen Seite zu immer dampfdurchlässiger auf der kalten Seite auf, mit Materialien mit niedrigem Diffusionswiderstand. Die Außenhülle wird luftdicht, aber dampfdurchlässig mit speziellen Bahnen oder Folien ausgeführt.