Beschreibung
Arbeitsweise und Prozessablauf
Der Kern der Bedienung dreht sich um die Bauwerksstruktur. Anwender definieren vorab eine logische Hierarchie des Projekts, wobei Geschosse, Bauteile und spezifische Zeichnungsdateien das Gerüst bilden. Es wird nicht einfach gezeichnet; es wird mit parametrischen Objekten konstruiert. Keine losen Linien.
Durch die Integration intelligenter Komponenten fließen geometrische Informationen und technische Parameter wie Materialfestigkeit oder thermische Werte in einem einzigen Objekt zusammen. Das Modell reagiert. Sobald ein Planer eine tragende Wand im Grundriss verschiebt, berechnet das System unmittelbar die neuen Mengen für die Betonbestellung und passt die Bewehrungsdetails in den zugehörigen Schnitten an. Diese bidirektionale Assoziativität sorgt dafür, dass Änderungen an einer Stelle sofort in allen abgeleiteten Dokumenten sichtbar sind.
In der Engineeringphase werden komplexe Bewehrungsmodelle direkt in der 3D-Umgebung erzeugt. Die Software übersetzt die Geometrie in präzise Biegeformlisten und Flechtmuster. Für die Zusammenarbeit mit externen Disziplinen bildet der Austausch über die IFC-Schnittstelle das Standardverfahren. Modelle gelangen in cloudbasierte Verwaltungsumgebungen zur integrierten Kontrolle auf Kollisionen und Modellkonsistenz. Das Ergebnis ist eine zentrale Informationsquelle, aus der Berichte und Mengenermittlungen ohne manuelles Nachzählen gewonnen werden. Alles hängt zusammen.
Disziplinspezifische Varianten und Pakete
Allplan kennt keine universelle Standardversion, sondern ist in spezifische Ausprägungen unterteilt, die der Rolle im Bauprozess entsprechen. Für den Planer gibt es Allplan Architecture. Hier dreht sich alles um Visualisierung, freie Formgebung und die Interaktion zwischen Räumen. Der Konstrukteur greift zu Allplan Engineering. Fokus auf Beton. Bewehrung. Krafteinwirkung. Die Software erzeugt komplexe 3D-Bewehrungsmodelle, wo andere bei 2D-Linien aufhören. Oft wird angenommen, es sei ein einziges Programm, doch die Lizenzstruktur bestimmt den Werkzeugkasten.
Dann gibt es den Ingenieurbau. Allplan Civil. Speziell für Infrastrukturprojekte, bei denen Trassen und Kunstwerke die Hauptrolle spielen. Brücken, die Krümmungen in drei Dimensionen folgen. Keine einfachen Extrusionen. Für die Fertigteilindustrie besteht eine eigene Variante, Allplan Precast, die die Übersetzung vom Modell zur Fabrikmaschine leistet. Datengesteuerte Produktion. Direkte Ansteuerung von Umlaufsystemen und Schweißrobotern. Es ist mehr als Zeichnen; es ist industrielle Automatisierung.
Kooperationsformen und Cloud-Erweiterungen
Bimplus und Allplan Share
In der modernen Praxis ist Allplan selten eine Solitärinsel. Oft entstehen Missverständnisse über die Cloud-Komponenten. Allplan Share ist die Technik, die gleichzeitiges Arbeiten an derselben Projektdatei ermöglicht, unabhängig vom Standort des Zeichners. Cloudbasiertes Zusammenarbeiten. Kein lokaler Server erforderlich. Dies unterscheidet sich wesentlich von Allplan Bimplus. Bimplus ist der übergeordnete Modellserver. Eine offene Plattform für Modellprüfung und Aufgabenverwaltung. Sie fördert den Open-BIM-Gedanken. Hier kommen IFC-Modelle verschiedener Disziplinen zur Kollisionsprüfung zusammen.
| Variante | Primäre Zielgruppe | Kernmerkmal |
|---|---|---|
| Architecture | Architekten & Bauplaner | Ästhetik und Raumordnung |
| Engineering | Konstrukteure | 3D-Bewehrung und Stahlbau |
| Civil | Infrastruktur-Spezialisten | Trassenbasiertes Entwerfen |
| Precast | Betonfertigwerke | Produktionsautomatisierung |
Abgrenzung zu verwandter Software
Oft fällt der Name Allplan im selben Atemzug mit Revit oder ArchiCAD. Dennoch gibt es Unterschiede. Allplan wurzelt tief in der deutschen Bautradition und der Nemetschek Group. Der Fokus auf die Kombination aus CAD-Präzision und BIM-Information ist einzigartig. Während manche Pakete in ihrer 2D-Ausgabe begrenzt sind, bleibt Allplan ein leistungsfähiges Werkzeug für technische Werkzeichnungen. Hybrides Arbeiten. Manchmal wird die Software mit Bluebeam verwechselt, einem anderen Nemetschek-Produkt, das jedoch rein für PDF-Workflows dient. Allplan baut das Modell; Bluebeam annotiert die Ausgabe.
Praxisfälle
Stellen Sie sich vor: Ein Architekt ändert in letzter Minute die Fensterflächen in einer Bürofassade. In Allplan werden der Grundriss, die Fassadenansichten und die Fensterlisten sofort synchronisiert. Keine manuelle Zeichenarbeit mehr. Keine vergessenen Linien im Schnitt. Alles stimmt.
Bewehrung und Produktion
Auch im Betonbau beweist das System seinen Wert. Ein Konstrukteur entwirft die Bewehrung für eine unregelmäßig geformte Tunnelöffnung. Während die Stäbe im 3D-Modell platziert werden, erzeugt die Software simultan die vollständige Biegeformliste. Fehlerfrei und rasant. In der Fertigteilindustrie geht dies noch einen Schritt weiter. Ein Deckenhersteller liest das Modell des Tragwerksplaners ein, woraufhin die geometrischen Daten direkt den Schweißroboter im Werk ansteuern. Die Maschine weiß genau, wo jede Aussparung sitzen muss. Das Modell ist die einzige Quelle der Wahrheit.
Ingenieurbauwerke
Bei der Realisierung eines Viadukts in einer flachen Kurve kommt Allplan Civil ins Spiel. Der Entwurf folgt eng der Querneigung der Fahrbahntrasse. Während traditionelle CAD-Pakete mit doppelten Krümmungen kämpfen, berechnet Allplan die Geometrie des Bauwerks fließend entlang der Straßenachse. Projektleiter an verschiedenen Standorten schauen unterdessen über die Cloud mit, um den Fortschritt zu überwachen.
Gesetze und Regelwerke
Das Modell fungiert als juristischer Nachweis. In der deutschen Baupraxis regeln die Landesbauordnungen (LBO) und die Musterbauordnung (MBO) die Mindestanforderungen an die technischen Informationen, die bei einem Bauantrag vorzulegen sind. Allplan ist das Instrument, um diesen Datenbedarf zu decken. Genehmigungen stehen und fallen mit der Richtigkeit der Ableitungen aus dem Modell. Kein Raum für Interpretation.
Normen regeln den Datenaustausch. Die ISO 19650 bildet den internationalen Rahmen für das Informationsmanagement über den gesamten Lebenszyklus eines Assets. Allplan unterstützt diesen strukturierten Workflow. Der Export nach IFC (ISO 16739) ist dabei die technische Übersetzung. Es ist die universelle Sprache von Open BIM. Ohne diese Zertifizierung ist ein Ingenieurbüro in integralen Projekten schlichtweg außen vor.
In Deutschland ist der BIM-Abwicklungsplan (BAP) die Leitlinie, häufig ergänzt durch sectorale Vereinbarungen. Er verlangt eine straffe Steuerung der Objektattribute und die konsequente Anwendung von Klassifikationen wie DIN 276 für die Ordnung der Bauelemente. Allplan-Anwender verankern diese Codes direkt in der Bauwerksstruktur. Darüber hinaus spielen die Eurocodes mit ihren Nationalen Anhängen eine grundlegende Rolle innerhalb der Engineering-Module des Pakets. Bewehrung wird nicht willkürlich gezeichnet; die Geometrie muss unumstößlich den europäischen Rechenregeln für die konstruktive Sicherheit genügen. Konsistenz ist dabei kein Luxus, sondern eine juristische Notwendigkeit.
Geschichte und Entwicklung
Der Keim von Allplan wurde in München gelegt. 1963. Georg Nemetschek gründete sein Ingenieurbüro und begann als einer der Ersten mit der Automatisierung komplexer konstruktiver Berechnungen für den Betonbau. Es war die Zeit der Lochkarten und riesigen Großrechner. Pionierarbeit in einer Branche, die noch vollständig auf Papier vertraute.
Die eigentliche Revolution folgte 1984 mit der Einführung von Allplan 1.0. Während Wettbewerber sich auf digitale Zeichentische für 2D-Linien konzentrierten, wählte Nemetschek von Anfang an einen 3D-Ansatz. Ein visionärer Schritt. Die Software war von Beginn an datenbankgestützt, was den Weg für das ebnete, was wir heute Building Information Modeling nennen. In den neunziger Jahren entwickelte sich das System weiter zum objektorientierten Entwerfen. Eine Wand war nicht länger eine Ansammlung von Parallelen, sondern ein intelligentes Objekt mit Volumen, Material und Kostenpreis.
Mit dem Aufkommen des IFC-Standards um die Jahrtausendwende positionierte sich Allplan als Wegbereiter von Open BIM. Keine geschlossenen Ökosysteme. Der Fokus verschob sich vom reinen Zeichnen zum integralen Informationsmanagement. Die Integration in die Nemetschek Group sorgte für eine Befruchtung mit anderen Disziplinen. Die letzten zehn Jahre markieren den endgültigen Schritt in die Cloud. Echtzeit-Zusammenarbeit. Allplan Share und Bimplus ersetzten die Notwendigkeit des physischen Dateiaustauschs. Was als Rechenwerkzeug für Betonkonstruktionen begann, ist heute eine zentrale Instanz in der globalen digitalen Transformation der Baustelle.