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BAUSTOFFE UND ROHSTOFFE

Acrylate

Acrylate sind chemische Verbindungen auf Basis von Acrylsäure und dienen als vielseitige Bindemittel in Farben, Beschichtungen, Klebstoffen und Dichtstoffen.

Stand: 03.11.2026

DEFINITION

Acrylate sind chemische Verbindungen, die sich von Acrylsäure ableiten und als vielseitige Bindemittel oder Filmbildner in Farben, Beschichtungen, Klebstoffen und Dichtstoffen dienen.

Beschreibung

In der täglichen Baupraxis begegnet man Acrylaten überall, oft ohne dass der Endanwender es bemerkt. Das Material bildet das Rückgrat wasserbasierter Systeme, bei denen die Partikel nach dem Verdampfen des Wassers zu einem dauerhaften, transparenten und flexiblen Polymerfilm verschmelzen. Während ein Silikondichtstoff rein elastisch reagiert, verhält sich ein Acryldichtstoff plastoelastisch; das Material verformt sich unter Druck, kehrt aber nicht vollständig in den Ausgangszustand zurück. Diese Eigenschaft macht das Produkt zum Standard für den Maler, der Fugen und Spalten sauber ziehen will, bevor der Pinsel darübergeht. Es ist das unverzichtbare Bindeglied zwischen Rohbau und feiner Oberfläche.

Anwendung und Verarbeitung in der Praxis

Die Verarbeitung von Acrylaten im Bau folgt einem wiedererkennbaren Muster aus Auftragen, Glätten und Aushärten durch Feuchtigkeitsverlust. Bei Abdichtungsarbeiten wird die Masse mittels einer manuellen oder pneumatischen Kartuschenpistole direkt in die Fuge oder Spalte gepresst. Der Füllgrad hängt dabei unmittelbar von der Vorschubgeschwindigkeit der Düse ab. Direkt nach dem Auftragen folgt das Abziehen. Dies geschieht meist mit einem nassen Finger oder einem eigens dafür vorgesehenen Spatel, um eine glatte Oberfläche zu erzielen, die an die angrenzenden Bauteile anschließt. Schnelligkeit ist hier geboten.

Die frühe Hautbildung zwingt den Verarbeiter zu zügigem Handeln. Da Acrylate wasserbasiert sind, verschwindet die Feuchtigkeit langsam in die Umgebung oder den Untergrund, ein Prozess, den wir technisch als Filmbildung bezeichnen. Die Polymerpartikel rücken zueinander. Sie verklumpen. In flüssiger Form, etwa bei Lacken oder Wandfarben, erfolgt die Verarbeitung über den klassischen Weg von Pinsel, Rolle oder Airless-Spritzgerät.

Der Mechanismus hinter der Trocknung ist physikalischer Natur. Sobald die Flüssigkeit die Oberfläche berührt, beginnt die Verdunstung des enthaltenen Wassers, wodurch die dispergierten Partikel näher zusammenrücken und schließlich zu einer dichten Schicht verschmelzen. Dieser Prozess der Koaleszenz bestimmt die endgültige Festigkeit und den Glanzgrad des Ergebnisses. Der Untergrund spielt dabei eine aktive Rolle. Stark saugende Materialien ziehen das Wasser schneller aus dem Produkt, was die offene Zeit erheblich verkürzt und direkten Einfluss auf den Verlauf des Materials hat.

Chemische Abstufungen und Bindemitteltypen

Nicht jedes Acrylat ist gleich. Die chemische Architektur bestimmt die endgültige Leistung unter dem Einfluss von Sonnenlicht und Feuchtigkeit. Reine Acrylate bilden die Spitze der Hierarchie; sie sind nahezu unempfindlich gegen UV-Strahlung und vergilben nicht, was sie zum geeigneten Bindemittel für hochwertige Außenlacke und Fassadenbeschichtungen macht, die über Jahre farbkonstant bleiben müssen. Dann gibt es das Styrolacrylat. Härter. Günstiger. In Innenwandfarben ist dies der Standard, da die Scheuerbeständigkeit ausgezeichnet ist, während der Preis pro Liter für große Flächen beherrschbar bleibt. Vinylacrylate trifft man im professionellen Bau seltener an; ihre höhere Wasserempfindlichkeit macht sie schlicht zu empfindlich für kritische Anwendungen. Es ist ein Spiel der Polymere, bei dem das Verhältnis zwischen Härte und Flexibilität den Ausschlag gibt.

Funktionale Varianten in der Dichtungstechnik

Bei den Dichtstoffen sehen wir eine starke Differenzierung nach Verarbeitungsgeschwindigkeit und Schrumpfkontrolle. Der klassische Acryldichtstoff hat einen wesentlichen Nachteil: Er schrumpft durch Wasserverlust. Das ist bei einer Dispersion unvermeidlich. Um den Maler zu entlasten, wurden spezifische Varianten entwickelt:

  • Anti-Crack-Acrylate: Diese Formulierungen verhindern, dass der über den Dichtstoff aufgebrachte Anstrich rissig wird, ein häufiges Problem bei früher Belastung der Dichtstofffuge.
  • Instant Paintable: Produkte, die nahezu direkt nach dem Auftragen überstreichbar sind, ohne dass die Farbe „aufrollt“ oder sich ablöst.
  • Außenvarianten: Obwohl Acrylate während des Aushärtens wasserempfindlich sind, sind diese Typen kurz nach der Verarbeitung bereits regenfest.
  • Leichtgewichtige Füllstoffe: Oft eine Hybridform, bei der Glasperlen oder andere Füllstoffe die Schrumpfung minimieren, ideal für tiefe Risse im Putz.

Der Unterschied zu Silikondichtstoff ist grundlegend. Silikone sind chemisch inert und nicht überstreichbar. Acrylate hingegen schon. Während ein Silikondichtstoff die Bewegung einer Dehnungsfuge in der Fassade aufnimmt, dient der Acryldichtstoff der kosmetischen Ausführung von Anschlüssen im Innenbereich. Das Material folgt der Bewegung von Holz und Wand, kennt aber seine Grenze bei struktureller Dehnung. Es bleibt ein plastoelastisches Produkt; es behält die Verformung.

Praktische Szenarien und wiedererkennbare Situationen

Betrachten Sie den Übergang zwischen einem hölzernen Türrahmen und einer frisch verputzten Wand. Dort zeigt sich das handwerkliche Können. Der Maler bringt eine Raupe Dichtstoff an. Sauber. Ein nasser Finger folgt der Linie. Der Dichtstoff füllt den Spalt und bildet eine Brücke zwischen zwei arbeitenden Materialien. Keine Risse mehr nach dem Anstrich.

Draußen auf dem Gerüst. Eine Fassade wird in der grellen Mittagssonne gerollt. Die Reint Acrylatbeschichtung verläuft. Das Wasser verdampft schnell. Die Polymerpartikel verschmelzen zu einem Schutzschild. Diese Oberfläche bleibt über Jahre weiß. Sie vergilbt nicht durch die Sonne. Das Bindemittel hält stand, wo günstigere Alternativen längst degradieren würden.

Eine Decke mit einem Schrumpfriss. Frustrierend. Der Fachmann verwendet einen Leichtgewichtsfüllstoff. Das Material wiegt fast nichts. Er drückt es in den Riss. Ein schneller Strich mit dem Spachtel. Die Füllung bleibt stehen. Keine Schrumpfung beim Trocknen. Die Farbe haftet direkt auf der Oberfläche ohne Farbunterschied.

Normung und rechtliche Rahmenbedingungen

Regelwerk und Standards

Der Handel mit und die Verwendung von Acrylaten ist strikt an die europäische REACH-Verordnung gebunden. Sicherheit geht vor. Hersteller sind verpflichtet, detaillierte Sicherheitsdatenblätter für jede auf den Markt gebrachte Polymerdispersion bereitzustellen. Auf den Kartuschen von Acryldichtstoff findet man nahezu immer eine CE-Kennzeichnung, die auf die DIN EN 15651-1 verweist. Diese Norm stellt Anforderungen an Dichtstoffe für Fassadenelemente. Die Klassifizierung, oft mit Codes wie F-EXT-INT angegeben, bestimmt, ob ein Produkt für die Innen- oder Außenanwendung geeignet ist und welche Bewegungskapazität gewährleistet wird. Sie ist wesentlich für die Haftung des Bauunternehmers.

Die VOC-Gesetzgebung spielt eine Hauptrolle. Flüchtige Organische Stoffe. Die europäische Richtlinie 2004/42/EG begrenzt die Emissionen von Lösungsmitteln in Farben und Lacken drastisch. Für den professionellen Maler in den Niederlanden bedeutet dies ein nahezu vollständiges Verbot der Verwendung lösungsmittelreicher Produkte in Innenräumen. Acrylate bilden hier die gesetzliche Alternative. Sie erfüllen die strengen Grenzwerte für die Emission von Dämpfen. Dies ist keine unverbindliche Empfehlung, sondern eine harte Anforderung aus dem Arbeitsschutzrecht zum Schutz der Gesundheit des Verarbeiters. Ein gesundes Innenraumklima beginnt bei der Wahl emissionsarmer Bindemittel. Darüber hinaus regelt die CLP-Verordnung die Kennzeichnung bestimmter Additive wie Biozide, die notwendig sind, um Verderb in der wässrigen Phase zu verhindern.

Der Aufstieg der Polymerchemie im Bauwesen

Der Keim für moderne Acrylate wurde 1901 gelegt. Otto Röhm veröffentlichte damals seine Dissertation über Polymerisationsprodukte der Acrylsäure. Ein akademischer Durchbruch. Es dauerte jedoch bis in die dreißiger Jahre, bevor die industrielle Produktion von Acrylatharzen wirklich in Gang kam, zunächst vor allem ausgerichtet auf transparente Kunststoffe wie Plexiglas. Für den Bausektor lag die eigentliche Transformation in der Entwicklung flüssiger Bindemittel. Der Fokus verschob sich von festen Kunststoffen zu Dispersionen.

1953 markiert einen Wendepunkt. Die Einführung der ersten 100%igen Acrylemulsion für wasserbasierte Farben, kommerziell bekannt als Rhoplex AC-33, veränderte den Malermarkt endgültig. Zuvor vertraute die Branche auf öl- und lösungsmittelbasierte Systeme. Die waren langsam. Sie stanken. Die neue wasserbasierte Technologie bot schnellere Trocknungszeiten und eine bessere Farbkonstanz bei Außenanwendungen. Es war die Geburt der modernen Latexfarbe. Die Technik entwickelte sich stetig weiter von einfachen Homopolymeren zu komplexen Copolymeren, wobei Styrol oder Vinyl zugesetzt wurde, um spezifische Eigenschaften wie Härte oder Preisgestaltung zu beeinflussen.

Die achtziger und neunziger Jahre brachten eine Beschleunigung durch Umweltregulierung. Der Druck auf die Emission Flüchtiger Organischer Stoffe (VOC) zwang Hersteller zur Innovation. Was als ökologische Alternative zu Alkydharz begann, wuchs sich zur qualitativen Standardlösung aus. Die chemische Industrie schaffte es, die Partikelgröße in Dispersionen zu verfeinern. Dies verbesserte die Penetration in den Untergrund und den Glanzgrad. Die Evolution des Acryldichtstoffs folgte einem vergleichbaren Pfad; von einfachen Füllstoffen zu hochwertigen plastoelastischen Abdichtungen, die den Launen des niederländischen Klimas standhalten.

Häufige Fragen

Was sind Acrylate und wofür werden sie im Bau verwendet?
Acrylate sind chemische Verbindungen, die sich von Acrylsäure ableiten und als vielseitige Bindemittel oder Filmbildner dienen. Sie werden im Bau häufig in Farben, Beschichtungen, Klebstoffen und Dichtstoffen verwendet.
Was ist der Unterschied im Verhalten zwischen einem Acryldichtstoff und einem Silikondichtstoff?
Ein Acryldichtstoff verhält sich plastoelastisch, was bedeutet, dass das Material sich unter Druck verformt, aber nicht vollständig in den Ausgangszustand zurückkehrt. Ein Silikondichtstoff reagiert dagegen rein elastisch.
Wie muss Acryldichtstoff für Abdichtungsarbeiten korrekt verarbeitet werden?
Der Dichtstoff wird mit einer manuellen oder pneumatischen Kartuschenpistole in die Fuge oder den Spalt gepresst. Direkt nach dem Auftragen muss er schnell mit einem nassen Finger oder Spatel abgezogen werden, um eine glatte Oberfläche zu erzielen.