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BAUTECHNIKEN UND BAUVERFAHREN

Abscheren

Abscheren ist das Versagen eines Materials, bei dem zwei Teile unter parallelen Kräften entlang einer Ebene gegeneinander verschoben werden.

Stand: 03.11.2026

DEFINITION

Die mechanische Verformung oder das Versagen eines Materials, bei dem zwei Teile unter dem Einfluss paralleler Kräfte entlang einer Ebene gegeneinander verschoben werden.

Beschreibung

In der täglichen Baupraxis ist Abscheren ein kritischer Versagensmechanismus, der auftritt, wenn Querkräfte die innere Festigkeit eines Bauteils überwinden. Während Biegung häufig mit sichtbarer Verformung einhergeht, ist das Abscheren heimtückisch. Es geschieht plötzlich. In Tragwerken wie Trägern und Decken entstehen durch die Kombination von Biegespannungen und Querkräften sogenannte schräge Zugspannungen. Kann der Beton diese nicht mehr aufnehmen, reißt das Tragwerk. Die Stabilität hängt dann vollständig von der vorhandenen Bewehrung ab. Auch in Verbindungen ist dies ein bekanntes Risiko. Eine Schraube, die eine Stahlplatte durchschneidet, oder eine Holzverbindung, die längs zur Faser aufspaltet; all das sind Ausprägungen dieses Prinzips.

Mechanischer Ablauf und Anwendung

Die Einwirkung von Kräften senkrecht zur Längsachse eines Bauteils setzt den Prozess in Gang. Innere Spannungen bauen sich entlang einer potenziellen Gleitebene auf. In der Praxis übersetzt sich dies in ein Kräftespiel, bei dem der molekulare Zusammenhalt des Materials unter Druck gerät. Bei Betonträgern wird dieser Prozess durch das Einbringen einer spezifischen Querkraftbewehrung beherrscht. Bügel werden präzise positioniert. Diese nehmen die schrägen Zugspannungen auf, die durch die Kombination von Biegung und Abscheren entstehen. Der Abstand zwischen diesen Bewehrungselementen variiert häufig, abhängig von der Nähe zu den Auflagern, wo die Querkräfte am größten sind.

Bei mechanischen Verbindungen wie Schraub- oder Nagelverbindungen in Stahl und Holz erfolgt die Kraftübertragung konzentriert auf der Kontaktfläche zwischen den einzelnen Bauteilen. Das Material wird dabei an der Stelle beansprucht, wo der Schaft des Verbindungsmittels das Grundmaterial berührt. Die Platten oder Balken versuchen, aneinander vorbeizugleiten. In Holzkonstruktionen wird die Faserrichtung berücksichtigt; das Abscheren parallel zur Faser verläuft grundsätzlich anders als senkrecht dazu. Der Prozess endet, wenn der innere Widerstand des Materials die aufgezwungene Last nicht mehr neutralisieren kann, was in einer physikalischen Verschiebung über die Scherebene resultiert.

AnwendungCharakteristische Handlung/Prozess
BetonbauAnordnung vertikaler oder schräger Bügelbewehrung zur Zugaufnahme.
StahlbauDimensionierung von Schraubenschäften und Nettoquerschnitten von Platten.
HolzkonstruktionenKontrolle des Endabstands bei Verbindungen zur Vermeidung von Aufspalten.

Der effektive Querschnitt bestimmt die Tragfähigkeit. Spannungen stapeln sich auf. Schließlich weicht die Struktur.

Ursachen und Folgen des Abscherens

Ursachen mechanischen Versagens

Abscheren entsteht, wenn parallele Kräfte den inneren Zusammenhalt eines Materials übersteigen. Es ist ein Kräftespiel, bei dem zwei benachbarte Teile eines Tragwerks in entgegengesetzter Richtung aneinander vorbeibewegen wollen. Im Betonbau ist der primäre Auslöser häufig eine zu hohe Querkraft nahe den Auflagern eines Trägers. Hier erreichen die schrägen Zugspannungen ihr Maximum. Stimmt die Dimensionierung der Querkraftbewehrung nicht mit der tatsächlichen Last überein, versagt die innere Struktur. Bei Holzverbindungen spielt die Faserrichtung eine entscheidende Rolle. Kräfte, die parallel zur Faser wirken, spalten die Fasern viel leichter als Kräfte, die senkrecht zur Wachstumsrichtung stehen. In Stahlkonstruktionen ist es oft die lokale Spannungskonzentration um Schraubenlöcher, die das Material zum Ausreißen zwingt.

Folgen für die konstruktive Integrität

Die Folgen sind unmittelbar und oft irreversibel. Abscheren ist heimtückisch. Im Gegensatz zur Biegung, bei der warnende Verformungen auftreten, verläuft ein Schubversagen oft spröde und plötzlich. Beton zeigt bei diesem Prozess charakteristische diagonale Risse, meist unter einem Winkel von etwa 45 Grad zur Längsachse. Das Tragwerk verliert unmittelbar seine Tragfähigkeit. Bei mechanischen Verbindungen führt dieses Phänomen zum 'Durchschneiden' von Verbindungsmitteln oder zum vollständigen Aufreißen des Nettoquerschnitts einer Platte. Die physikalische Verschiebung von Bauteilen sorgt für eine Kettenreaktion, bei der die Last auf andere Bauteile umgeleitet wird, die dafür nicht bemessen sind. Eine durch Abscheren versagende Verbindung bedeutet meist das Ende der Stabilität des betreffenden Knotenpunkts.

Konfigurationen mechanischer Verbindungen

In der Verbindungstechnik unterscheiden wir strikt zwischen einschnittiger und zweischnittiger Schubbeanspruchung. Die Anzahl der Ebenen, in denen die Kraftübertragung stattfindet, ist für die Berechnung maßgebend. Bei einer einschnittigen Schraubverbindung ziehen zwei Platten in entgegengesetzte Richtung. Der Schraubenschaft wird auf einer spezifischen Ebene beansprucht. Einfach, aber weniger effizient. Zweischnittige Verbindungen fügen eine dritte Platte hinzu. Die mittlere Platte ist zwischen zwei äußeren Platten eingeschlossen, wodurch die Schraube an zwei Stellen gleichzeitig versagen muss, bevor die Verbindung ausfällt. Die Tragfähigkeit verdoppelt sich dadurch nahezu. Konstrukteure bevorzugen häufig diese symmetrische Krafteinleitung, um unerwünschte zusätzliche Biegemomente in den Schrauben zu vermeiden.

Durchstanzen: Konzentriertes Abscheren

Durchstanzen ist eine spezifische, heimtückische Variante des Abscherens, die bei punktförmigen Lagerungen auftritt. Man denke an eine Stütze, die eine ebene Betondecke trägt. Die vertikale Last konzentriert sich um den Stützenkopf. Dadurch will die Stütze buchstäblich durch die Decke stoßen. Es bildet sich eine schräge Bruchfläche in Form eines Kegelstumpfes. Das Material versagt über den gesamten Umfang. Dieses Phänomen ist berüchtigt, weil es nahezu ohne Vorwarnung auftritt. Ohne spezielle Durchstanzbewehrung oder einen verbreiterten Stützenkopf (Pilzdecke) ist die Gefahr eines plötzlichen Einsturzes bei Überlastung real.

Blockabscheren und Schubfluss

Stahlkonstruktionen kennen eine komplexere Form: das Blockabscheren. Hierbei reißt ein kompletter Materialblock aus dem Ende eines Profils oder einer Platte heraus. Dies geschieht häufig entlang der Löcher einer Schraubengruppe. Es ist eine destruktive Kombination aus Abscheren entlang der Schrauben und Zugspannung senkrecht dazu. Ein Stück herausgerissenes Stahl. Daneben existiert der Begriff des Schubflusses. Dieser beschreibt die innere Verteilung der Schubspannungen über den Querschnitt eines Trägers. Besonders bei zusammengesetzten Profilen wie Holz-I-Trägern oder geschweißten Stahlträgern ist dies von Bedeutung. Die Verbindung zwischen Gurten und Steg muss dem Schubfluss standhalten können, damit der Träger als ein Ganzes funktioniert. Leim, Nägel oder Schweißnähte bilden hier die Barriere gegen gegenseitige Verschiebung.

Abscheren in der Praxis

Die Schraubverbindung unter Spannung

Stellen Sie sich zwei Stahlplatten vor, die mit einer einzigen Schraube aneinander befestigt sind. Wenn an beiden Platten in entgegengesetzte Richtung gezogen wird, entsteht eine enorme Spannung auf der Ebene, wo die Platten sich berühren. Die Schraube fungiert hier als das schwächste Glied. Wird die Kraft zu groß, versagt die Schraube nicht durch Biegung, sondern wird einfach in zwei Teile geschnitten, genau am Übergang zwischen den Platten. Ein sauberer Bruch. Einschnittiges Abscheren in seiner reinsten Form.

Diagonale Rissbildung in Beton

Gehen Sie einmal an einem hochbeanspruchten Betonträger in einer Tiefgarage vorbei. Bemerken Sie die charakteristischen Risse, die unter einem Winkel von etwa 45 Grad vom Auflager nach oben verlaufen? Das ist kein Zufall. Hier überwindet die Querkraft die innere Kohäsion des Betons. Das Tragwerk versucht buchstäblich, entlang dieser diagonalen Linie nach unten zu gleiten. Ohne das Vorhandensein vertikaler Stahlbügel, die diesen 'schrägen Zug' aufnehmen, würde der Träger plötzlich und ohne Vorwarnung versagen.

Das Ausreißen von Holzverbindungen

Ein Holzbalken, der mit einer schweren Zapfenverbindung befestigt ist, erfährt ein Abscheren parallel zur Faser. Wird die Belastung auf den Zapfen zu groß, kann das Holz hinter der Zapfenverbindung vollständig abspalten. Das Material gleitet einfach über die Länge der Holzfaser weg. Dies sieht man häufig bei alten Dachkonstruktionen, wo der Endabstand der Schrauben zu klein gewählt wurde. Das Ergebnis? Ein komplettes Stück, das aus dem Balkenende verschwindet.

Die Stütze, die durch die Decke 'sticht'

In Gebäuden mit Flachdecken ohne sichtbare Balken ist das Durchstanzen ein ständiger Beachtungspunkt. Stellen Sie sich eine hochbelastete Decke vor, die auf einer schlanken Stütze ruht. Bei Überlastung schneidet sich die Stütze wie ein Apfelausstecher durch den Beton. Es entsteht ein kegelförmiges Loch. Die Decke sackt nach unten, während die Stütze stehen bleibt. Dies ist eine Form des konzentrierten Abscherens, die für ihren heimtückischen, plötzlichen Charakter berüchtigt ist; es gibt keine sichtbare Durchbiegung im Vorfeld, die den Nutzer warnt.

Normative Rahmen und konstruktiver Nachweis

Die Musterbauordnung (MBO) lässt keinen Spielraum. Die Standsicherheit ist der absolute Kern. Abscheren fällt unter die grundlegenden Grenzzustände, denen jedes Tragwerk standhalten muss. Man vergleicht den rechnerischen Widerstand mit der einwirkenden Last. Immer. Für Betonkonstruktionen ist DIN EN 1992-1-1 die unbestrittene Richtschnur, in der die Berechnung der Querkraft und der berühmte Durchstanzwiderstand bis ins Detail beschrieben ist. Es geht um schräge Zugspannungen. Diese müssen durch Bügel oder spezifische Bewehrungskonfigurationen aufgenommen werden, sonst entspricht das Bauwerk schlichtweg nicht den Vorschriften.

Anwendung der Eurocodes

Stahlbauer navigieren verpflichtend durch DIN EN 1993-1-8. Verbindungen stehen hier im Mittelpunkt. Die Schubtragfähigkeit eines Schraubenschafts oder der Ausreißwiderstand einer Platte an einem Schraubenloch; das sind keine unverbindlichen Empfehlungen, sondern harte Anforderungen aus dem Eurocode. Und dann Holz. DIN EN 1995-1-1. Hier ist das Abscheren parallel zur Faser häufig der Übeltäter, was bei falscher Detailausbildung zum Aufspalten von Balkenköpfen bei Verbindungen mit Nägeln oder Schrauben führt. Die Vorschrift verlangt eine schlüssige Berechnung nach diesen Normen. Kein Rätselraten bei der Ausführung. Der Tragwerksplaner zeichnet dafür verantwortlich und der Prüfingenieur kontrolliert, ob die Berechnungen mit der Realität auf der Baustelle übereinstimmen.

  • Beton: Nachweis auf Querkraft und Durchstanzen nach DIN EN 1992-1-1.
  • Stahl: Berechnung von Schraubverbindungen und Schweißnähten auf Abscheren nach DIN EN 1993-1-8.
  • Holz: Kontrolle auf Abscheren und Aufspalten bei Verbindungen über DIN EN 1995-1-1.

Die Regelwerke erzwingen eine konservative Herangehensweise. Warum? Weil Schubversagen spröde ist. Es geschieht plötzlich und oft ohne die warnende Durchbiegung, die wir bei reiner Biegung sehen. Ein Tragwerk, das durch Abscheren versagt, versagt unmittelbar. Daher verwenden die Normen strenge Materialbeiwerte, die die Sicherheitsmarge wahren.

Vom Augenmaß des Zimmermanns zu Jourawski

Die Intuition des Meisterzimmermanns. Sie genügte jahrhundertelang. Man fertigte Zapfenverbindungen einfach schwer genug auf Basis von Erfahrung und Überdimensionierung. Bis das neunzehnte Jahrhundert nach mehr Effizienz und größeren Spannweiten verlangte. Der russische Ingenieur D.J. Jourawski veröffentlichte 1844 seine grundlegenden Erkenntnisse über Schubspannungen in Trägern. Ein entscheidender Moment für die Mechanik. Er bewies, dass die Schubspannung in der Mitte eines rechteckigen Querschnitts maximal ist. Diese Erkenntnis veränderte die Art und Weise, wie Konstrukteure den inneren Zusammenhalt von Baumaterialien betrachteten. Besonders mit dem Aufkommen der ersten zusammengesetzten Stahlprofile und hölzernen Fachwerkbrücken wurde diese Berechnungsmethode zum Standard.

Der Bügel als technischer Wendepunkt

Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Beton war der neue Herausforderer im Bauwesen. Man kämpfte jedoch mit den plötzlichen, diagonalen Brüchen an den Auflagern von Trägern. Das Verhalten war unvorhersehbar. François Hennebique brachte die Lösung, die den Betonbau dominieren sollte. Sein Patent aus dem Jahr 1892 auf den 'Bügel' markiert die Geburt der Querkraftbewehrung. Er verstand, dass die schrägen Zugspannungen, verursacht durch Abscheren, durch Stahl physisch gebändigt werden mussten. Der Übergang von empirischen Regeln zu den wissenschaftlichen Modellen von Emil Mörsch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts legte das Fundament für die heutigen Berechnungsregeln. Von Trial-and-Error zur strengen mathematischen Prüfung, die wir heute in den Eurocodes wiederfinden.

Häufige Fragen

Was ist Abscheren?
Abscheren ist eine mechanische Verformung oder das Versagen eines Materials, bei dem zwei Teile unter dem Einfluss paralleler Kräfte entlang einer Ebene gegeneinander verschoben werden.
Warum ist Abscheren ein kritischer Versagensmechanismus im Bauwesen?
Es ist ein kritischer Versagensmechanismus, weil es auftritt, wenn Querkräfte die innere Festigkeit eines Bauteils überwinden, und zudem plötzlich geschehen kann.
Wie wird das Abscheren in Betonträgern beherrscht?
In Betonträgern wird das Abscheren durch das Einbringen einer spezifischen Querkraftbewehrung wie Bügeln beherrscht, die die schrägen Zugspannungen aufnehmen, die durch Biegung und Abscheren entstehen.